Liebe Leser!
Dies sind meine persönlichen Erfahrungen, die ich bei der Bewältigung meiner ersten Triathlon-Langdistanz in Roth 2010 gemacht habe.
Ich habe noch viele Dinge im Bericht weglassen müssen, da der Text sonst wirklich zu lang geworden wäre.
Falls jemand Fragen dazu hat: Bitte nachfragen. Ich werde gerne ergänzende Auskünfte nachliefern.
Vor-Wettkampf-Geschehen:
3:45 Uhr aufstehen! So früh muss es sein. Schließlich will ein Triathlet noch vor dem Start etwas Frühstücken und muss noch diverse Dinge erledigen.
Bei mir sollte zusätzlich auch noch ein Bolus-Sport-Abstand von mind. 2, (besser sind erfahrungsgemäß 3 Std.) eingeplant werden und mein Schwimmstart soll um 6:25 Uhr in der Startgruppe der Frauen sein.
Wer vor dem Schwimmstart der Profis noch am Schwimmstart sein möchte und dabei über die Radstrecke fahren möchte, sollte auch vor 5:30 Uhr die Radstrecke verlassen haben. Sei wird dann nämlich gesperrt und man muss z. T. Große Umwege in Kauf nehmen um an den Start zu kommen und dann wird die Zeit knapp.
Mein BZ nach dem Aufstehen liegt bei 142 mg/dl - ein bisschen zu hoch. Das muss an der Aufregung liegen.
Ich koche mir in der Mikrowelle meiner Familie, bei der ich und weitere Laufgruppenkollegen während der Wettkampftage untergebracht sind, meinen morgendlichen Flockenbrei. Alle anderen essen die aufgebackenen Brötchen der Hausherrin mit großem Appetit.
Ich beschließe angesichts der Tatsache, dass ich plane, das Schwimmen mit einem BZ von mind. 200 – 250 mg/dl zu beginnen, das 2,5 BE Frühstück nicht mit einem Bolus abzudecken. Der Bolus-Sport- Abstand zum Schwimmstart ist sowieso etwas knapp, die Restwirkung des Frühstückbolus könnte zu stark sein.
Wir erreichen den Schwimmstart gegen 5:30 Uhr, gerade noch rechtzeitig für mich. Rad checken, Reifendruck kontrollieren, Neo anziehen, Not BE in den Kragen stecken, BZ-Kontrolle: 320 mg/dl – etwas höher als gewollt, aber das werde ich wohl gleich im Wasser zum großen Teil abarbeiten. Meine Insulinpumpe liegt abgekoppelt im Fahrradhelm und wartet auf mich. Ich habe die Basalrate für 15 Std. auf 50 % runter gestellt. Das ist mein erprobter Sport – und Wettkampfbetrieb.
1. Etappe Schwimmen:
Superstart! Etwas zu spät die Uhr gedrückt. Nur Frauen im Wasser ist klasse! Sehr höfliches Feld - keine derben Stöße. Bin dieses Mal innen und fast vorne gestartet und hatte sofort viel Platz. Ich wollte damit den letztjährigen Ausflug in die Ausbuchtung des Kanals kurz nach dem Start vermeiden und es hat geklappt. Kurze Zeit gab es hohen Wellengang, weil das Rettungsboot kurz neben mir vorbeizischen musste - kein Problem. Es hatte irgendetwas von Trainingsschwimmen im Meer und hat mich an meinen Mittelmeerurlaub 2006 erinnert.
Die erste Wende kam dann schneller als ich dachte und auf dem langen Stück zurück wurden wir von mehreren Wellen der schnelleren nach uns startenden Gruppen überholt. Da aber bereits genug Platz um mich war - kein Problem. Ich habe mich immer mal wieder an so einen schnelleren Schwimmer für einige Zeit angehängt.
Nach der zweiten Wendung, dieses Mal etwas außen genommen, hatte ich wie im letzten Jahr leichte Orientierungsschwierigkeiten. Ich weiß nicht woran es liegt, die Brücke ist gut zu sehen aber ich peile da immer auf das Ufer zu und schwimme in Schlangenlinien. ???
1. Wechsel
Alles Super! Am Rad noch Blutzuckertest – das dauert einfach - und Insulinpumpe anlegen. (Nächstes Mal geht sie mit Baden, das erspare ich mir dann.)
Blutzucker187 mg/dl ok - wie gewollt noch etwas zu hoch. An der Startlinie bin ich von der falschen Seite aufgestiegen und mit dem Rad fast gestürzt, sehr lustig für die Zuschauer und ich hatte meine Show.
2. Etappe Rad
Mist, der Tacho ist aus! Tacho an und - Scheixxe! - kein Signal 0,0 km/h, auch keine Trittfrequenz! Gestern tat noch alles und heute morgen habe ich es nicht überprüft!

Also Blindflug über die Strecke. Wird schon gehen, ich kenne sie ja gut.
In der ersten Runde keinerlei Probleme - Ernährung auf dem Rad nach Plan mit zwei Riegeln und AM Competition in der Radflasche. Es ist eigentlich ziemlich kühl auf dem Rad. Hoffentlich kommt bald die Sonne rüber. Ich wünsche mir meine Armlinge herbei.
Die Zeit von drei Stunden über die erste Runde erschreckt mich etwas. Die Beine fühlen sich aber noch sehr gut an. Ob ich nicht doch lieber etwas Tempo raus nehmen sollte? Mein Trainer hatte mich gestern am Telefon noch instruiert, nicht zu überpacen. - Es wird bestimmt besser sein, schließlich steht nachher noch ein Marathon auf der Arbeitsliste.
Das Auffüllen der Radflasche mit dem angereichten Wasser klappt gut, meine 2. Flasche AM geht jedoch nicht, ich halte kurz an der Verpflegung an, um um zufüllen und schnell den Blutzucker zu messen - Mist! 282 mg/dl! Viel zu hoch! Zielbereich sollte 100 – 150 mg/dl sein. Also nur noch Wasser trinken , kein Riegel mehr, kein Gel und keine Isogetränke. Der Wert muss erst einmal runter gearbeitet werden.
Aber ich könnte sowieso nichts mehr essen, die Riegel haben mir den Magen zugeschnürt. Das war beim Training anders.
Kurz nach Thalmässing war ein Buschgang nötig - Blutzuckermessung: tendenziell absteigend 220 mg/dl, aber noch zu hoch für Riegel oder so. Kein Problem - es wird schon wieder und weiter.
Das zweite Mal Gredinger Berg klappt besser als das erste Mal und ich kann einige Frauen überholen. Oben ist wieder Gegenwind wie auf der ersten Runde. Ich fahre bewusst etwas langsamer als in der ersten Runde.
Die Serpentinen machen bei der zweiten Abfahrt noch mehr Spaß als beim ersten Mal. Im Training hatte ich immer etwas Angst, in den Gegenverkehr oder die Leitplanken zu kommen. Jetzt ist da kein Auto und die entsprechenden Leitplanken sind mit Strohballen abgemildert. Ich fahre Ideallinie und das schnell.
Die Abfahrt bei Tiefenbach nehme ich jetzt auch so schnell wie es geht.
Das macht richtig Spaß - meine Lieblingsstelle auf der Strecke. Im Training hatte ich dort schon 60 km/h, jetzt bestimmt mehr. Ich werde es leider wegen des abgestellten Tachos nie erfahren...
Zwischen Oberrödel und Unterrödel habe ich dann in der Rechtskurve noch Faris Al Sultan getroffen, der mit einem freundlichen aber bestimmten "RECHTS!" in der Kurve als erster Staffelradfahrer links an mir vorbei schoss. Er war rattenschnell unterwegs! Wahnsinn!
Der Solarer Berg war in der zweiten Runde noch stärker mit Zuschauern besetzt als in der ersten Runde. Es war eine tolle Stimmung dort und unter La-Ola-Wellen wird man dort nach oben gefeiert.
Sowieso erntet man als Frau wesentlich mehr Applaus als die Männer. Die Frauen an der Strecke spenden reichlich zusätzlichen Applaus und Anfeuerungsrufe, wenn sie eine Frau auf der Strecke entdecken. Die Sportlerinnen lächeln auch wesentlich häufiger zurück und darüber freuen sich dann wieder die Zuschauer. Das hört man (ich) immer wieder von den Zuschauer.
Bei der Ausfahrt zur Wechselzone zwei nehme ich einen kleineren Gang. Die Beine fühlen sich angestrengt aber noch relativ gut an. Jetzt gleich nur noch einen „kleinen“ Marathon, dann ist schon alles vorbei.
2. Wechsel
Ein freundliches Fräulein hilft mir den Sack aufzuknoten und reicht mir alles an. Meine Laufsocken möchte ich nicht anziehen und werde dafür nachher mit wundgelaufenen Fersen belohnt (Steine im Schuh).
Blutzuckertest: 93 mg/dl - alles im Normbereich – endlich wieder! Also ein Gel zum Start erlaubt.
In meinem Laufgurt befinden sich mehrere Gels (Hammergel aus reinem Maltodextrin, sehr lecker und je Tütchen 2 BE), die ich ausschließlich zusammen mit Wasser auf der Marathonstrecke zu mir nehmen möchte - so ist zumindest der Plan.
Der Marathon kann kommen.
3. Etappe Marathon
Die ersten drei km sind etwas eierig, danach finde ich meinen Tritt.
Die Strecke ist an dieser Stelle nett dekoriert, ich versuche alle Schilder von den Fans zu lesen, die an der Strecke stehen. Es ist keins für mich dabei - schade!
Dafür treffe ich bei km 4 Heinrich, der behauptet, ich sähe gut aus und man würde überhaupt nicht sehen, dass ich gerade erst vom Rad gestiegen bin. Gut, dass man es nicht sieht, spüren tue ich es aber deutlich. Was soll's! Beingefühl abschalten und weiter. Das kann ich gut. Meine Ultramarathonerfahrung macht sich bemerkbar. Der Spruch einer Laufkollegin aus der Ultraszene: "Wenn du glaubst, dass nichts mehr geht, gehen immer noch 50 km!" geistert durch meinen Kopf. Klar geht das.
Ich bin auch schon mehrfach 100 km gelaufen – das geht wirklich.
Die Strecke am Kanal kann man schon nicht mehr nur als trist bezeichnen. Sie ist grottenlangweilig! Zwar schön flach, aber endlos öde. Hier könnte der Veranstalter mal für etwas Abwechselung sorgen. Ich nehme mir vor, ihm eine Email darüber zu schreiben. Eine endlose Kolonne von Läufern kommt mir entgegen.
Wie lange dauert es denn noch bis zum Wendepunkt? Claudia und Sebastian sind wieder an der Strecke und fotografieren mich. Dirk ist wohl noch nicht durch! Dirk? Mein Laufgruppenkollege und Langdistanztriathlet mit Erfahrung, sollte mich eigentlich schon auf der Radstrecke eingeholt haben.
Ich kann mich gerade noch davon abhalten, auf die Km-Schilder der Gegenseite zu schielen. Das hätte mich noch mehr demotiviert, das weiß ich.
Der erste Wendepunkt ist im Ort nach der Schleuse. Hier ist wenigsten etwas los. Auf der Schleuse gab es schon eine Blaskapelle, die ihre Probe heute wohl mal draußen abhält. Sie üben auf meiner Hin- und Rückrunde dasselbe (Kirchen-)Lied und haben sich nicht deutlich verbessert.

Überhaupt bin ich schlecht drauf, weil ich ja weiß, wie lang die Strecke jetzt am Kanal noch wieder zurück geht.
Endlich kommt mir Dirk entgegen und wirft mir etwas von Unfall Radstrecke zu. Später überholt er mich und erzählt zwei Sätze. Schade für ihn! Er wollte 10:xx:xx finishen. Das wird wohl nichts mehr.
BZ-Kontrolle nach drei Std. Marathon: 119 mg/dl. Das ist ok und ich möchte weiterhin an jeder 2. Verpflegungsstelle KH-haltige Getränke nehmen.
Jetzt an der Lände treffe ich weitere Schlachtenbummler aus Essen. Das gibt mir für ein paar km Kraft. Ich habe unsäglichen Durst und merke, dass ich Salz brauche. An der Verpflegung gibt es salzige Kekse, die ich aber kaum essen kann, so staubtrocken sind die.
High5 kann ich nicht mehr zu mir nehmen. Widerlich der Geschmack. Von dem Wasser bekomme ich inzwischen Oberbauchbeschwerden. Es geht nur noch die verdünnte Cola und Zitronenstücke. Unterwegs besuche ich ein Dixi. Dazu keine weiteren Kommentare.
Die andere Seite der Marathonstrecke führt unter einer Brücke durch über die man Läufer laufen sieht. Wie kommen die da hoch? Aber das dauert natürlich wieder endlos lange bis der Weg in einen Wald abbiegt und dann zum Ort führt an dem die Kanalbrücke dann endlich ist.
Da ich wegen der Kohlensäure in der Cola an der Verpflegung gehen muss, muss ich immer wieder anlaufen. Das fällt mir zunehmend schwerer. Mein Kopf spielt wohl nicht mehr mit. Als meine Laufkollegin Claudia, die Staffelläuferin ist, mir wieder entgegen kommt und mich gehen sieht, beschließe ich, ab jetzt nicht mehr als nötig zu gehen und den Rest durch zulaufen. Ich kann sogar noch relativ gut laufen, stelle ich fest. Ich Dämel habe mich gehen lassen – so ein Mist!
Ab jetzt freue ich mich über jeden Läufer, der geht und den ich laufend überholen kann. Da geht noch etwas und ich ärgere mich, dass ich mich so habe hängen lassen. Ich bin noch lange nicht am Ende!
Die Runde durch Roth ist schnell geschafft, ich sehe Dirk noch einmal und kann mich nur wundern, warum er noch nicht im Ziel ist. Aber er hat auch wohl keine Lust mehr.
Der Zieleinlauf ist wie ein Traum. Vorher treffe ich noch die Laufgruppenstaffelmitglieder, die auf ihre Marathonläufer warten und dann der Lauf über den Teppich. Die vielen Menschen am Rand rufen meinen Namen und jubeln. Geschafft!
Im Ziel wartet Dirk auf mich und zeigt auf jemanden: Chrissi ist da und verteilt die Finisher-Medaillen!!!
Mein Traum geht in Erfüllung, die Medaille von ihr zu bekommen!
Ich umarme sie und gratuliere ihr zu ihrem neuen Weltrekord und sie gratuliert mir. Claudia, Dirks Frau, macht noch ein Foto von uns beiden.
Zielbereich:
Im Verpflegungszelt vor der Massage sitzen Dirk und ich und trinken erst einmal ein Erdinger Alkoholfrei. Die Erlebnisse müssen ausgiebig besprochen werden unter Einbezug aller Finisher um uns herum und der Physiotherapeutin, die uns gleich massieren wird.
Mein BZ ist 153 mg/dl und ich bin damit gut zufrieden. Das halbe Erdinger ist ja auch schon in mir drin.
Nach-Wettkampf-Geschehen:
Basalratenreduktion für 18 Std. auf 75 % - wichtig für die Nacht! Unterzuckerungsgefahr bei nicht reduzierter Basalrate! Bolus wird dabei nicht reduziert, bleibt bei 0,75 E/BE.
Erst am nächste Tag habe ich so richtig begriffen, was ich da so geleistet habe. Da stand ich bereits in der Schlage der Anmeldewütigen für 2011 und neben mir begann die Siegerehrung.
Ist das Irre! Ist das Irre?
Wohl kaum. Es ist wahr.
regenerative
Do >Heute war ich schon wieder schwimmen - morgen ist laufen auf dem Plan, der nächste Marathon ist schon gemeldet!< ro