Jahrbuch 2005: Wie Sport Bewegung in mein Leben brachte

Während des Studiums wurde bei mir im Rahmen einer „Vorsorge-Gesundheitsuntersuchung“ im Oktober 1990 Diabetes mellitus festgestellt. Die Mitteilung der Diagnose und Tabletten (Glibenclamid), die ich vor jeder Mahlzeit einnehmen sollte, waren alles, was ich von meinem damaligen Arzt an Behandlungsmaßnahmen erfuhr. Durch eine Reduktions-Diät nahm ich innerhalb kürzester Zeit rapide ab, weil ich dachte, damit den angeblichen Typ-II-Diabetes zu besiegen.

Nachdem ich mich selbst ausführlich über die Krankheit informiert hatte und meine Werte mit einem Blutzucker-Meßgerät kontrollieren konnte, erwirkte ich eine Einweisung in eine Diabetes-Fachklinik.
Dort bestätigte man mir nach drei Tagen einen insulinpflichtigen Typ-I-Diabetes und wurde sofort auf die konventionelle Insulin-Therapie eingestellt. Durch Schulungsangebote und einen Klinik-Psychologen wurde die medizinische Behandlung ergänzt.

Zu diesem Zeitpunkt suchte ich noch nach einem passenden Thema für meine anstehende Diplomarbeit. Durch den Kontakt und die Gespräche mit anderen Betroffenen stand dieses für mich sehr schnell fest, sodaß ich in meiner Arbeit neben den medizinischen Aspekten „Die psychosozialen Auswirkungen des Diabetes mellitus auf das Leben von chronisch Kranken und ihre Beziehungen“ untersuchte und so zum „Diabetes-Profi“ wurde.

In der Zwischenzeit wechselte ich zu einem Diabetologen, der mich ab Juni 1991 auf die intensivierte Insulin-Therapie anpaßte und trage, nach einem weiteren Arztwechsel, seit September 1992 die Insulin-Pumpe. Während ich unter der Pumpen-Therapie zwar zunehmend mehr Freiheit in meinem Tagesablauf und eine flexiblere Lebensweise gewonnen hatte, hatte ich, durch eine nicht optimal auf mich angepaßte Insulinanpassung, mittlerweile mein altes Gewicht genauso schnell wieder erreicht, bzw. steigerte sich im Laufe der nächsten zehn Jahre noch bei weitem, zumal ich auch im August 2001 mit dem Rauchen aufgehört hatte.
Im Juli 2002 gelang es einer Freundin, mich zu überreden, daß ich mich in einem Sportstudio anmeldete. Es gab dort ein Angebot für drei Monate, da im Sommer das Studio durch die Ferien- und Urlaubszeit kaum ausgelastet war. Meine Motivation war äußerst gering, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich fand kein einziges Argument, das Angebot abzulehnen. Es war mit 19 Euro im Monat bezahlbar, es war in der Nähe und hatte ein Schwimmbad! Also fi ng ich an Sport zu treiben.
Vereinzelt nahm ich an den Kursangeboten wie Problemzonen-Training, Stretching und Pilates teil. Auch für einen Bauchtanz-Kurs begeisterte ich mich – wenn schon Bauch, dann sollte er doch auch zu etwas gut sein! Die vorhandenen Geräte nutzte ich kaum, dafür wurde aber Aqua-Aerobic, Schwimmen und Saunen zu meinen Favoriten.

Eigentlich hatte ich erwartet, durch die Steigerung der körperlichen Betätigung an Gewicht zu verlieren. Dies war leider nicht der Fall war. Um eine Stunde Sport treiben zu können, mußte ich durch die Wirkungsweise des Verzögerungs-Insulins viel zu viele Kohlenhydrate zu mir nehmen, um einer Hypoglykämie entgegenzuwirken. Vor allem bei der Aqua-Aerobic fühlte ich mich durch mehrfach aufgetretenen Hypos nicht sicher und nachdem ich nach einer Teilnahme eine schwere Unterzuckerung hatte, bei der ich mich ziemlich lange verwirrt im Pool aufhielt und in einem lichten Moment gerade noch rauskam, verlor ich aus Unsicherheit und Angst fast die Lust.
Dies war dann auch der Moment, wo mir klar wurde, daß ich professionelle Hilfe brauchte, um Diabetes und Sport in Einklang zu bringen. Meine damalige Ärztin war mit ihren Kenntnissen am Ende und wollte mich in der Nachtklinik einstellen lassen. Da ich aber zu der Spezies der Nachteulen gehöre, nehme ich nicht morgens um 7 Uhr, mittags um 12 Uhr und abends um 18 Uhr meine Mahlzeiten ein, sodaß ich gar nicht in dieses Programm paßte. Dementsprechend lehnte ich eine Einweisung ab, zumal ich mich auch hauptsächlich am späten Abend bis circa 23 Uhr im Sportstudio aufhielt. Somit war ich wieder einmal gefordert, mir eine kompetente Person mit dem entsprechenden Fachwissen zu suchen. Leider gestaltete sich dieses als äußerst schwierig. Ich führte Gespräche mit unterschiedlichsten Institutionen, die in irgendeiner Weise mit Diabetes, Sport oder Medizin zu tun hatten, und konnte es kaum fassen, als Nicht-Leistungs-Sportlerin auf keine entsprechenden Hilfsangebote zu stoßen.
Endlich hörte ich von einem Buch „Diabetes und Sportfibel“ und stieß so im März 2003 auf die Autorin Ulrike Thurm. Sie ist Diabetesberaterin, hat selbst Diabetes und ist 1. Vorsitzende der deutschen Sektion der International Diabetic Athletes Association (IDAA), einer Vereinigung diabetischer Sportler. Während einer nur drei Tage dauernden Diabetesschulung „für Fortgeschrittene“ frischte sie unser Wissen in einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter auf, gab uns die notwendigen und neuesten Informationen, die ganz speziell auf das jeweilige Bedürfnis und Therapieanpassung des Einzelnen zugeschnitten waren, und stellte uns auf ein Analog-Insulin um und neu ein.

  • Mit dieser und der weiter andauernden optimal auf mich zugeschnittenen und praktizierbaren Selbstbestimmung und -anpassung der Insulintherapie, hatte ich die Möglichkeit erreicht, Sport in der von mir gewünschten Intensität und Dauer betreiben.

Dadurch veränderten sich meine Ernährungsgewohnheiten automatisch: Ich reduzierte die Fettaufnahme, da das Verlangen nach Pommes frites, Bratkartoffeln, fetten Fleisch- und Wurstsorten oder Mayonnaise, Fleischsalat etc. enorm nachließ. Dafür entwickelte ich einen gesteigerten Appetit auf mehr Salate im Sommer und viel Gemüse und statt zu süßen Riegeln und Keksen als Zwischenmahlzeit oder zur Hypobeseitigung zu greifen, stieg mein Verbrauch an Obst und Joghurt.Ohne Entbehrungen verringerte sich mein Gewicht langsam aber stetig, wodurch sich ein positives Körpergefühl einstellte. Damit hing natürlich die Entwicklung eines stärkeren Selbstbewußtseins und Selbstvertrauens zusammen und gewann so auch an Attraktivität und Selbstsicherheit. Innerhalb kürzester Zeit erreichte ich eine gute Stoffwechseleinstellung mit optimalen Blutwerten. Lag der HbA1-Wert zu Beginn der sportlichen Aktivität bei 7,5%, erreichte ich durch die Veränderung der Therapie eine Senkung auf bis zu 5,5 %! Das Gleiche war auch bei den Cholesterin- und Leberwerten zu beobachten.Indem ich angefangen hatte, mich regelmäßig körperlich zu bewegen, bewegte und veränderte sich auch mein Lebensstil und somit manch anderes in meinem Leben. Die Auswirkungen zeigen sich durch eine gesteigerte Aktivität in meiner Freizeit, die mir eine erhöhte Lebensqualität durch Lebensfreude und Ausgeglichenheit bringt. So bin ich viel unternehmungslustiger geworden und unternehme besonders bei schönem Wetter gerne lange Spaziergänge und beteilige mich an geführten Fahrradtouren in einer Großgruppe. Ich habe die Motivation erlangt, Neues anzugehen und besuche mit Freunden als auch alleine die Oper und Konzerte. Ich informiere mich durch Vorträge und bilde mich beruflich zur Kinder- und Jugendtherapeutin weiter. So haben sich Möglichkeiten gefunden für ein aktives, selbst gestaltetes Leben.

Heute besteht der Schwerpunkt meiner sportlichen Aktivitäten aus einer Stunde Gehen auf dem Band, vereinzelt auch dem Crosstrainer, Yoga und Wirbelsäulen-Gymnastik. Zur Steigerung meines Wohlbefindens und Entspannung mache ich zum Abschluß immer noch einen Gang in die Sauna.Die meisten meiner Wege lege ich mittlerweile zu Fuß und mit dem Fahrrad zurück und unternehme damit auch Fahrten ins weiter entfernte Umland. Ich verzichte auf eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel und finanziere damit sozusagen den Beitrag das Sport-Studio.

Im Gegensatz zu früher ist das Auftreten von Hypoglykämien selten geworden. Wenn bemerke ich sie rechtzeitig und sie sind weit weniger schwer und bedrohlich. Natürlich kann ich auch heute Unterzuckerungen während bzw. nach meinen sportlichen Aktivitäten nicht vollkommen ausschließen, bin aber mit Blutzuckermeßgerät, Traubenzucker und Apfelsaft bestens abgesichert, sodaß es für mich keinen Grund gibt, körperlich nicht aktiv zu sein.

  • So hat die körperliche Betätigung in mehrfacher Hinsicht Bewegung in mein Leben gebracht.

Somit erlebe ich durch den Sport nicht nur eine enorme Steigerung meines Wohlbefindens, sondern auch, daß sich die Handhabung meines Diabetes vereinfacht hat.
Abschließend wünsche ich mir von den Personen, die Diabetiker therapeutisch behandeln und betreuen, sich nicht nur mit diesen über die Themen Ernährung und Medikation auseinanderzusetzen, sondern in den Schulungen intensiv auf die sich in vielen Bereichen positiven und veränderbaren körperlichen Aktivitäten einzugehen und aufzuklären. Dazu gehört aber auch die Bereitschaft, sich selbst immer wieder weiter zu informieren und weiter zu bilden.

Sabine Jöck

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