Velothon 2010 – Heinz’ ganz eigene (virtuelle) Berliner Cyclassics

Gut vorbereitet und gut gelaunt wollte ich dieses Jahr abermals auf dem Siegertreppchen bzw. Thron stehen. Doch stattdessen saß ich – darauf, dem Dixie.
Die überwältigende Zahl von mehr als zehntausend Radsportenthusiasten machte sich inzwischen auf und davon.
Etwas erholt bildete ich nun mit hunderttausenden das Spalier und feuerte kräftig mit an. Man muß auch mal loslassen können. Dann fuhr ich zu den Brennpunkten um interessiert zu beobachten.
Zum Start begann es zu regnen. Es besserte sich mit Sonnenschein. Jene auf der 120 km Etappe hatten allerdings schwere Regengüsse zu passieren. Allesamt erreichten sie aber freudestrahlend das Ziel.
Auch mir war der Tag spannend voller Eindrücke. Denn aus Zuschauerperspektive konnte man für sich viele nützliche Beobachtungen zu fahrtechnischem und anderem Verhalten machen. Aber auch zu sehen wie Applaus die Akteure motivierte.

Dennoch brannte es in mir. Tags darauf startete ich die 120 km Etappe der Cyclassics.

Wissen wollte ich was mein Zusatztraining Treppensteigen mit Zehnkilohanteln im Rucksack, üblich vor Marathonläufen, bewirkt hatte. Zweck war Bein- und Herzkraft stärken.
Mein Carbonrenner hatte auf der Rolle keine Bedeutung. Auch wurde es kein langweiliges ineffektives Spinning.
Vielmehr wurde alles live gesteuert über Hard- und Software. Auf einem Monitor vor sich kann man das Geschehen und Gegner selbst erleben.
Meine fünf ausgesuchten virtuellen Gegner sind hartgesottene Sportler, alle bereits Etappensieger.
In unzähligen Rennen habe ich sie selbst erzeugt, abgespeichert. Gegen sich selbst zu wetteifern ist bestes Mentaltraining. Sich selbst genauestens kennen zu lernen. Nie den Bogen überspannen, den körperlichen Rundlauf wahren, perfektes Körpergefühl zu entwickeln. Dann werden alle die vielfach zitierten Negativerscheinungen nicht auftreten. Priorität hat aber mein Typ 1. Ihn zu beherrschen bedeutet selbstverständlich bei wirklichen Wettkämpfen es den Gegnern äußerst schwer zu machen weil man wesentlich mehr Finessen beherrscht.

Akrobaten und Jongleuren sah ich gerne zu, bewirkten sie doch stets Kribbeln mit ihrer Perfektion.
Als Zehnjähriger wurde ich auch einer. Etwa fuffzehn Bälle gleichzeitig in der Luft bewegen.
Nur es waren nicht Bälle sondern mein BZ. „Eine Rennerei nach heruntergefallenen Bällen“ begann. Ach ja, Bewegung ist sehr dienlich. Dreizehn Bälle halte ich inzwischen. Längst trainiere ich mit Geduld. Leistung und Verstand müssen wachsen können.

Über ausgewogene Ernährung, Provokationen wie Fast Food, Leistungsverstärker vermeidend, habe ich meinen Körper erzogen alles aufzuschließen und gesunde Depots anzulegen. Mit dem Flüssigkeitshaushalt muß er sehr sparsam umgehen können. Das braucht eben seine Zeit, doch es macht beständig ausdauernder.

Das tolle an der Geschichte als Typ 1 ist das zwingend. Für die Gesunden ja auch, nur die wissen davon kaum was. 1:0 für uns!

Countdown, Start. Mein BZ von 132 bekam noch 3 BE, 1 IE Bolus. Gut gestartet bläst nach der ersten Kurve der Gegenwind. Man sollte Segel setzen. Werde langsamer, halte die Kraft. Nach zehn Min. läuft es rund. Seitenwind, jetzt Temposteigerung. Alle etwa gleichauf. Erste Steigungen und Gefälle, immer schneller. Noch halte ich mich zurück. 40 km geschafft, ein Drittel. BZ 80 gefühlt, gemessen, super. Das ist optimal für beste Durchblutung und Versorgung. Gut spürbar. Bereits jetzt ahne ich den Sieg. Nach weiteren 20 km ein Viertel Liter mit 1 BE. Gutes Gefühl. Jetzt kommt die Bewährungsprobe. Gegenwind und Berge. Ich setze mich ab, Stufentraining machts. Der BZ liegt gut. Richtig, 82. Noch 40 km. Ein Viertel und 1 BE. Rasch merke ich, die Entscheidung war falsch. BZ 102 steigend. 1 Bolus drauf. Ohne diesen würde der BZ ins Nirwana steigen weil der Insulinspiegel ungenügend ist, das gepufferte Insulin aufgebraucht ist. Der irritierte Stoffwechsel reagiert panisch. Will man ihn runterbolen klappt das lange nicht, um dann dermaßen abzustürzen daß das große Fressen nötig wird! Dann folgt eine Kettenreaktion rauf, runter. Besser 3-4 Std. abwarten bis die hohen Scheinwerte normalisiert sind, denn die gemessenen Werte sind Schein. Wohlgefühl kehrt wieder. Jetzt ziehe ich das Tempo an. Der Körper bringt es. Jetzt setzt mein geliebter Endspurt ein, noch acht km. Diese sind durch das Spalier der applaudierenden Zuschauer motivierend. Die Verfolger sind hartnäckig, spurten ebenfalls, liegen vor mir. Das ist ein Trick, sie im Gewinnerglauben zu lassen. Nun pflücke ich sie wie reife Pflaumen. Jetzt gebe ich alles, gehe an die Reserven. Mit 58 km/h ins Ziel, nach 2:57 Std. Heute ist mein Tag, bei derzeit 32 Grad! Eine Min. habe ich meinen Verfolgern abgewonnen. Das sind Welten, kaum zu steigern. Bei Olympia geht’s nur um Zehntel. Außer mir fällt wieder ein Gag ein! Mein BZ 96. Zwei IE drauf. Der Stoffwechsel ist noch in Wallung, muß sich beruhigen.  Nach zwei Std. leichter Muskelauffülleffekt, den ich natürlich verdient genieße. Wie immer habe ich dank kompromißlosem Training mein Ziel erreicht. Erfreulich schnell ist mein Ruhepuls erreicht. Die virtuelle Tour war jedenfalls absolut wirklich mit Schinderei und knallhartem Kampf. Euphorie! Dieses Gerät und die Software werden weiter perfektioniert, sind somit immer reizvoller. Die Option über Google eigene Strecken zu bilden und übers Internet mit Interessierten gemeinsam zu radeln ist faszinierend. Jeden Tag vor Arbeitsbeginn werden 20 km Intervalltraining gefahren. So wird der ganze Tag anschließend ein Erlebnis und läßt die Tätigkeit erfolgreich gelingen. Eine andere Passion ist die Berg- und Gletscherwelt um den Bernina zu ersteigen. Dem Himmel ganz nah. Weniger körperlich, ist es mentale Herausforderung. Die Mächtigkeit des Panoramas, Unendlichkeit, der Weitblick, die eigene Winzigkeit bringen tiefe innere Harmonie. Einfach mal loslassen. Die Langzeitkonditionierung ist beachtlich. Für die nächste Cyclassics. Meine Gelassenheit im Umgang mit IE, Basal, Bolus, BE und den unzähligen anderen Notwendigkeiten beruht auf entwickeltem Pioniergeist, nichts ist unmöglich-Gedanken, Risikofreude und – besonders erwähnenswert, die Diabetes- und Sportfibel gelesen zu haben. Das vereinfacht kolossal zu erreichen was man will, weil es von einer erfahrenen Anwenderin sehr verständlich verfaßt wurde. Man kann sagen, der Diabetes ist gezähmt. Dann halten wir uns mal alle ran, selbst Beiträge zur nächsten Ausgabe zu bringen. Das nutzt Menschen mit Diabetes. Aber öffnet den Gesunden vielleicht die Augen, mal sich selbst ehrlich zu durchschauen. Wer seine „Schularbeiten“ macht kann durchaus ein gesundes Leben genießen. Auch lassen sich nach wie vor die viele Dümmlichkeit und Vorurteile besser ertragen. Da oute ich mich lieber nicht. Das führte zu jenem Erlebnis auf einer Tour mit Gesunden. Im Profisport ist BZ messen üblich, nicht verdächtig. Bei einem Stopp tat ich es. Mein Grinsen erstaunte. Natürlich verdutzte Gesichter. Eben Laien. Einige konnte ich gewinnen, wie die Profis zu handeln. Seid ihr Memmen? Schon hatte ich einige für einen Pieks. Bei denen war alles in Ordnung – bei mir auch! Wo ist der Unterschied? Wozu outen? Es macht etwas stolz mit „Gesunden“ auf Augenhöhe zu sein. Auf meiner Hausstrecke Berlin-Marathon konnte ich das stets bei über 40.000 Teilnehmern  fasziniert studieren. Es war zu spüren, in allen ging das gleiche vor. Wie in Gesprächen im Zielbereich zu erfahren. Grundsätzlich beende ich jeden Wettkampf hinter dem Ziel weil ich mir sicher bin. Niemals würde ich antreten, eine Veranstaltung, Sportkameraden, Zuschauern Probleme zu bereiten. Viel Schaffensfreude und genießt das Leben allerseits, nichts ist unmöglich!

Sportliche Grüße
Heinz


Ein Vereinsmitglied hat für den am 28.05.2016 im Alter von 75 Jahren verstorbenen Sportler einen Abschiedsbrief verfasst.

Dieser Brief ist nur eingeloggten Vereinsmitgliedern zugänglich.


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