Jahrbuch 2006: Der Weg zum Profi-Tauchlehrer

Bevor wir zum Kern dieser Geschichte vordringen werden, möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Maximilian Wilkendorf, und ich werde in diesem Jahr 40 Jahre alt. Nach einer schweren Angina bin ich mit 18 Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt. Damals wurde noch nach der „althergebrachten“ Therapie behandelt. Eine Spritze am Morgen und dann viele kleine Mahlzeiten. In einer Kur in Bad Mergentheim bekam ich als einer der ersten überhaupt die Möglichkeit an einem Versuch mit der intensivierten Basis-Bolus-Therapie teilzunehmen. So war ich auch einer der ersten, der einen Pen von Novo in den Händen hielt.

Diese Therapie eröffnete nun wieder ungeahnte Möglichkeiten. Das „diabetische“ Leben wurde wieder zu einem „normalen“ Leben. Zu dieser Zeit habe ich auch angefangen, die Leidenschaft zum Skifahren zu entdecken. Hier hatte ich das Glück, daß ich an einer Ski-Freizeit unter ärztlicher Leitung teilnehmen konnte. Skifahren mit einem Arzt im Schlepptau, der den Diabetes überwacht, eine tolle Sache. Dabei wurden die verschiedenen Möglichkeiten getestet, den Insulinbedarf an die körperlichen Aktivitäten anzupassen.

So konnte ich einiges ausprobieren, und es stellte sich sehr schnell heraus, daß ich mit einer sehr starken Reduzierung der Basalrate überhaupt nicht zurechtkam. Mein Körper braucht eine gewisse Insulingrundversorgung, um den Blutzuckerspiegel nicht in ungeahnte Höhen ansteigen zu lassen. Beim Skifahren reicht dann eine Reduzierung um 50 % des schnell wirkenden Insulins und natürlich die obligatorischen Sport-BE, um den ganzen Tag auf der Piste zu überstehen. Auch bei anderen Sportarten hat sich diese Einstellung als sehr hilfreich erwiesen. Sei es bei einer Wanderung oder einer langen Fahrradtour. Teilweise reichen mir dann am Morgen 2 bis 4 Insulineinheiten, um die Dauerbelastung und die Sport-BE zu verarbeiten. Natürlich empfi ehlt es sich, öfters seinen Blutzucker zu kontrollieren.

Im Sommer haben wir unsere Urlaube oft am Meer verbracht. Hier habe ich auch einmal versucht, Herr über die Wasserski zu werden. Dies aber mit geringerem Erfolg, da Wasserskifahren, besonders für Ungeübte in dieser Sportart, eine sehr kraftaufwendige Angelegenheit ist. So habe ich es auf das Schwimmen beschränkt und es immer wieder genossen, mit Taucherbrille und Schnorchel einen kleinen Teil der Unterwasserwelt zu erkunden. Dieser Teil hat mich mehr und mehr fasziniert. Aber hier hatte ich immer im Hinterkopf, daß Tauchen für Diabetiker wegen der Gefahr der Unterzuckerung unter Wasser ja tabu ist.

Vor ca. 6 Jahren habe ich dann zufällig einige Presseberichte über Diabetes und Tauchen gelesen. Ich habe mich sehr dar über gefreut und mir vorgenommen, es dann auch einmal zu versuchen.

Im Pfingsturlaub auf Kreta im Jahr 2003 kam dann der entscheidende Durchbruch. Im Hotel-Pool wurde von einer Tauchschule ein Schnuppertauchen durchgeführt. Ich konnte hier das Gefühl kennenlernen, unter Wasser atmen zu können, und sofort war meine Begeisterung da. Für einen der nächsten Tage habe ich mich dann zu einem Schnupper-Tauch-Tag angemeldet. Ich habe versucht, mir alle Details der Berichte, die ich gelesen hatte, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ich konnte nicht abschätzen, wie groß die Anstrengung unter Wasser sein würde. So beschloß ich, erst einmal auf Nummer Sicher zu gehen. Den Blutzucker auf einen Wert bringen, bei dem es zu keiner Unterzuckerung kommen kann. Also Zucker messen, Wert bei ca. 140, also noch schnell einen Saft und einen Schokoriegel und dann ab in den Pool.

Im Pool wurden mir erst einmal die Grundlagen der Bewegung unter Wasser, die Handzeichen und diverse kleine Tricks gezeigt. Nach ca. einer Stunde waren wir dann bereit, den ersten kleinen Tauchgang im Meer zu machen. Nicht tief, nur ca. 6 Meter, und in der Bucht vor dem Hotel, aber…. es war klasse. Selbst hier konnte ich kleine und große Fische und sogar einen Oktopus entdecken.

Wieder aus dem Wasser war natürlich meine erste Frage: Wie geht es meinem Blutzuckerspiegel. Und siehe da: 95 mg/dl. Super. Für den Nachmittag wurde dann noch ein zweiter Tauchgang angesetzt. Und ich hatte Glück, ich bin alleine mit einem Tauchlehrer auf das offene Meer rausgefahren. An einer Boje wurde das Boot festgemacht. Auch jetzt hieß es wieder, den Blutzucker zu messen und wie beim letzten Mal bewährt, schnell einen Saft und einen Schokoriegel zu mir nehmen und dann, mit einer deutlich größeren Preßluftfl asche als am Vormittag, ab ins Wasser.

Unter Wasser eröffneten sich mir fantastischer Anblicke: Wir waren an einem kleinen vorgelagerten Riff, konnten eine kleine Höhle durchtauchen und trafen dahinter auf einen großen Zackenbarschen und sogar eine Meeresschildkröte. Der Tauchlehrer nahm mich das ein oder andere Mal noch an die Hand, bis auf eine Tiefe von ca. 18 Metern und entführte mich in diese neue Welt. Nach ca. 1 Stunde unter Wasser tauchten wir (ich etwas erschöpft, aber total begeistert) wieder auf. Zurück auf dem Boot habe ich gleich als erstes meinen Blutzucker gemessen, und der lag wieder bei einem Wert von 110 mg/dl. Damit war die Sache eigentlich schon klar: Ich werde Tauchen lernen!

Wieder zu Hause habe ich versucht, alles zu lesen, was es über Diabetes und Tauchen zu lesen gibt. Aber viele Artikel waren mir einfach zu wissenschaftlich und zu theoretisch, doch als Quintessenz des Gelesenen stand für mich fest: Die Grundinformationen habe ich, doch den Feinschliff muß ich für mich ganz individuell austesten.

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Fazit: Eine Stoffwechselanpassung kann bei tauchenden Diabetikern nur auf individueller Basis mit jedem Taucher ganz speziell auf ihn zugeschnitten durchkalkuliert werden, dazu ist viel Erfahrung, diabetologisches und tauchspezifi sches Wissen von Seiten der betreuenden Diabetesberaterin unumgänglich. Eine intensive Schulung in Theorie und Praxis, die all diese Bereiche umfassend behandelt, ist ein Muß für jeden Diabetiker, der sicher tauchen möchte. Eine Reduktion der Normal/Analog- und Verzögerungsinsulindosis/Basalrate zwischen 30 – 50% und parallel dazu eine Erhöhung der Kohlenhydratmenge um 100 – 200% erwies sich als erfolgreich. Eine kontinuierliche Reduktion der Insulinmengen bei mehreren Tauchgängen an aufeinanderfolgenden Tagen ist anhand der aktuellen Blutzuckerwerte und basierend auf erhöhter Insulinsensibilität und stattfi ndendem Muskelauffülleffekt unbedingt erforderlich. (s. Thurm, Ulrike: Diving on Insulin, Diabetes- Journal 3/1996)

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Nach einer kleinen Suche habe ich dann eine Tauchschule gefunden, bei der ich mich gut aufgehoben fühlte. Der Tauchlehrer war ausgebildeter Rettungssanitäter, und er konnte mir sogar noch einige andere Tips geben. Er hat mir auch noch weiterreichende Fachliteratur über Tauchen und Diabetes zukommen lassen. Die Grundausbildung habe ich dann ganz normal in ca. 8 Wochen abgeschlossen und hielt glücklich mein OWD-Brevet (Grundtauchschein) in den Händen. Dabei hatte ich, dank meiner Vorsicht und meinen erhöhten Ausgangsblutzuckerwerten vor den Tauchgängen nie ein Problem mit meinem Diabetes unter Wasser.

Doch jetzt stand der Winter vor der Türe, und rein witterungsbedingt mußte ich eine Pause machen. Aber schon im Februar ging es dann weiter. Tauchen bei eisigen Temperaturen oder besser gesagt, das Wasser mit einer Temperatur von 4° C war deutlich wärmer als die Luft. Dabei wurde es für den Körper auch deutlich anstrengender, denn der Temperaturhaushalt des Körpers geht auch ganz schön auf die Kondition, d. h. der Körper verbrennt deutlich mehr Zucker. Dementsprechend waren die Zuckerwerte nach den ersten Tauchgängen auch etwas niedriger (teilweise lagen sie sogar unter 100 mg/dl) – das hieß für mich, das Insulin stärker reduzieren und mehr Kohlenhydrate zuführen – dabei lernte ich dann wieder einen warmen „süßen“ Tee zu schätzen. Jetzt ging wieder alles ganz schnell. Ich habe diverse Spezialkurse belegt, um dann das ersehnte AOWD-Brevet (Fortgeschrittene) zu bekommen. Im Pfingsturlaub, der mich logischerweise wieder ans Meer zog, konnte ich sogar meine Frau überreden, überzeugen oder wie man das auch sonst nennen mag, es einmal mit dem Tauchen zu probieren. Nach einer anfänglichen Skepsis hat sie dann auch die Begeisterung gepackt und an Ort und Stelle ihren Tauchschein gemacht.

Im folgenden Sommer haben wir dann gemeinsam die örtlichen Baggerseen erforscht und dies sehr genossen. Denn auch hier gibt es einiges zu entdecken: Hecht, Karpfen und Co. lassen grüßen. Wir bildeten uns auch ständig weiter und lernten z. B. das Trockentauchen, damit wir auch im Winter trocken und warm in das kühle Naß steigen können. Mit der Erfahrung steigt auch immer die Sicherheit. Bei keinem Tauchgang hatte ich ein Problem mit meinem Diabetes. Man muß zwar als Diabetiker etwas mehr planen (wie hoch ist der Blutzucker vor dem Tauchen – was mache ich unter Wasser – schwimme ich schnell oder eher gemütlich – wer taucht mit mir – auf was muß ich mich einstellen – wie hoch soll der Blutzucker nach dem Tauchen sein….), aber das wird dann auch zur Routine.

Natürlich habe ich, außer der Kontrolle und den zusätzlichen Sport-BEs, immer noch ein paar Not-Süßigkeiten unter Wasser mit dabei. Nicht in Form eines Schokoriegels, was aber unter Wasser theoretisch auch möglich wäre, sondern in Form von kleinen Tuben mit Flüssigzucker (z. B. Jubin). Diese sind recht klein, haben ca. 2,6 BE und passen in die kleinen Taschen der Ausrüstung. Außerdem habe ich vor jedem Tauchgang meinen Partner informiert, was mit mir evtl. passieren kann und was dann zu tun ist und wo sich der „Notfall-Zucker“ bei mir befindet. Es ist ganz wichtig, bei einem Problem unter Wasser schnell zu handeln, da man nicht einfach schnell auftauchen kann. Dies hat etwas mit der Tauchphysik zu tun, denn ein zu schnelles Auftauchen könnte ganz schnell zu einem Dekompressions-Unfall führen.

Ein weiterer Faktor, der besonders für Diabetiker eine große Rolle spielt, ist die Gefahr der Dehydrierung. Durch den unter Wasser herrschenden Druck auf den Körper wird Flüssigkeit aus den Zellen und dem Gewebe gepreßt. Außerdem trocknet der Körper durch das Atmen der trockenen Atemluft aus der Preßluftfl asche (Anm.: die Luft, welche mit Hilfe eines Kompressors mit einem Druck von mind. 200 bar in die Tauchfl asche gepreßt wird, wird zuvor in der Regel gereinigt, gefi ltert und getrocknet. Sie enthält nur noch einen sehr geringen Anteil an Feuchtigkeit. Feuchte Atemluft würde auch in Form von Korrosion das Innere der Preßluftfl asche angreifen.) etwas aus. Man muß also diesem Flüssigkeitsverlust entgegenwirken. Besonders bei Diabetikern ist es wichtig, damit das Blut seine Transportfunktionen für Nährstoffe und Zucker aufrechterhalten kann. Dieser Zusammenhang wurde durch verschiedene Messungen der Hämatokritwerte im Blut vor und nach einem Tauchgang schon nachgewiesen.

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Fazit: Da Diabetiker mit höheren Blutzuckerwerten abtauchen müssen, um Hypoglykämien zu vermeiden, müssen sie ungefähr die doppelte Trinkmenge ( ca. 2-3 l vor jedem Tauchgang) im Vergleich zu Stoffwechselgesunden zu sich nehmen, um einer Dehydrierung vorzubeugen. Elektrolytgetränke sind hier absolut empfehlenswert, um möglichen Schwankungen im Elektrolythaushalt durch die starke Bewässerung vorzubeugen. Die Getränke sollten nicht zu kalt sein, da sie sonst nicht so schnell vom Körper resorbiert werden können. Mehr als 1l pro Stunde zu trinken ist nicht empfehlenswert, da diese überschüssige Flüssigkeitsmenge im Magen sitzen bleibt und gerade auf schaukelnden Booten zu starkem Unwohlsein führen kann. (s. Thurm, Ulrike: Diving on Insulin, Diabetes-Journal 3/1996)

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Mit all diesen vielfältigen aber durchweg positiven Erfahrungen wuchs in mir der Wunsch, das Tauchen ein wenig intensiver und vielleicht sogar professionell zu betreiben. Ich wollte meine Begeisterung an andere weitergeben. Auch hier habe ich wieder viel gelesen, mich informiert und bei den verschiedenen Tauchsportorganisationen nachgefragt. Dabei wurde ich sehr positiv überrascht. Bei PADI (Professional Association of Diving Instructors) wurde mir gesagt, daß man für die Profi karriere natürlich ein etwas größeres ärztliches Attest* (s. u.) und aber vor allen Dingen die Erfüllung der Lei stungsstandards braucht. Es wurde sehr offen über das Thema geredet und vor allem überaus positiv, denn auch hier wurde ich bestärkt. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei meinem Hausarzt Dr. Rastetter bedanken, der mich zu jeder Zeit tatkräftig unterstützt hat, daß ich meine Träume in die Tat umsetzen konnte. Er hat mir nicht nur noch ein paar wertvolle Tips zur Diabeteseinstellung gegeben, nein er hat mir auch immer wieder ins Gewissen geredet, nicht leichtsinnig zu sein. Ein ärztliches Attest über die Tauchtauglichkeit von Diabetikern sollte enthalten:

  • Der Diabetologe muß eine Taucherlaubnis ausstellen. Die Bedingungen dafür: HbA1c zwischen 5,5-8,5 % (Normbereich 4-6 %), keine schweren Hypoglykämien mit Bewußtlosigkeit innerhalb der letzten 12 Monate inkl. der Fähigkeit, Unterzuckerungssymptome rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu therapieren, intensivierte Insulintherapie oder Insulinpumpentherapie mit eigenständiger Dosisanpassung seit mindestens einem Jahr, vier dokumentierte Blutzuckerwerte pro Tag, Fehlen jeglicher Anzeichen diabetischer Folgerkrankungen, Blut- und Urinstatus etc.,
  • HNO-, zahnärztliche und augenärztliche Untersuchungen, die eine uneingeschränkte Tauchtauglichkeit attestieren
  • Internistische Untersuchungen incl. Belastungs-EKG und sonographischer Herzuntersuchung etc. (s. Thurm, Ulrike: Diving on Insulin, Diabetes-Journal 3/1996)

Jetzt war ich also auf dem Weg. Der nächste und erste Tauchkurs um das Tauchen neu, aus Sicht der Profi s zu entdecken. Es war eine Mischung aus viel Theorie, noch mehr Praxis und jeder Menge Spaß und guter Laune.

Eine große Hürde war am Anfang die Prüfung der körperlichen Fitneß. Denn hier wurde richtig Leistung verlangt. 800-m-Streckenschwimmen auf Zeit, die dann doch sehr knapp bemessen war. Für mich bedeutete dies drei Anläufe. Beim ersten Versuch hat mein Blutzuckerspiegel mit einer Höhe von 390 mg/dl und positivem Aceton mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Bei einem positiven Acetontest sollte ein Diabetiker auf keinen Fall Sport treiben, und auch ich habe gemerkt, daß ich keine Leistung bringen kann. Beim zweiten Versuch war dann die Zeit nicht so optimal, und erst beim dritten Mal war ich dann mit mir zufrieden.

Dann folgten einige sehr intensive Kurstage am Baggersee, wo wir die gelernte Theorie in die Praxis umsetzten. Wie sind die örtlichen Tauchumgebungen? Wie tief gehen wir heute? Was mache ich, wenn ein Tauchpartner plötzlich weg ist? Wie knote ich mit dicken Handschuhen ein Seil an einem Ast unter Wasser fest? Wie war das noch mit der ersten Hilfe und der HLW?

Diese Tage waren sehr anstrengend. Es gab Tage, an denen wir vier Tauchgänge gemacht haben. Dies bedeutete für mich, fast stündlich oder sogar häufi ger eine Blutzuckermessung durchzuführen. Aber es gab dank meiner intensiven Kontrollen und akribisch geplanten Therapieanpassung mit deutlicher Insulindosisreduktion nie eine kritische Situation. Der Diabetes hat perfekt „mitgespielt“.

Auch die Auffrischung der Erste-Hilfe-Übungen war sehr bereichernd. Ich merkte doch, wie schnell grundlegende Dinge in Vergessenheit geraten, die im Notfall lebenswichtig sein können. Ich konnte es mir nicht verkneifen, auch die Hypoglykämie (Unterzuckerung) bzw. die Notsituation unter Wasser auf den Übungsplan zu setzen. Hier konnte ich meinen Mitstreitern dann auch noch einiges über Diabetes und die körperlichen Zusammenhänge erzählen und erklären, so daß sie nicht nur mich, sondern auch potentielle diabetische Tauchschüler besser verstehen. Wir haben auch geübt, eine Glukagonspritze aufzuziehen und zu spritzen, das war für alle sehr lehrreich. Nun zu den Übungen:

Scuda-Übung:

Sehr einfach! Flach einatmen – Luft anhalten – mit der Hand den Scuda dosiert drücken und gleichzeitig den BE-Saft vorsichtig schlürfen, genießen, schlucken, entspannt weiteratmen, fertig!

Jubin-Übung:

Ein Zusammenspiel der Tauchpartner!
Der Taucher mit Diabetes zeigt unter Wasser mittels gespreiztem Daumen und Zeigefinger dem Tauchpartner das L für Low-sugar, also niedrigen Blutzucker.
Der „Buddy“ (Tauchpartner) packt den Taucher mit Diabetes fest an der Tarierweste und hält die Höhe/Tiefe. Währenddessen kann der „unterzuckerte“ Taucher in aller Ruhe die Jubin-Tube öffnen.
Jetzt schnell mit dem Zeigefinger das Löchlein zuhalten, sonst fließt Salzwasser zu und das schmeckt… bäääh. Flach einatmen, Lungenautomat raus, Tube in den Mund, Zuckersirup in den Mund pressen, schlucken – Lungenautomat rein, ausblasen und atmen.
Hypoglykämie ist sicher bekämpft, langsam auftauchen und Tauchgang beenden.
(Übungen aus der Diabetes-und-Sportfi bel, Verlag Kirchheim, Thurm, Ulrike; Gehr, Bernhard; Erfahrungsbericht Tauchen, Autorin: Barbara Seibold)

Was ist ein „SCUDA“?

Mit einem „SCUDA“ („Self Contained Underwater Drinking Aparatus“) können Taucher unter Wasser Flüssigkeit trinken. Komprimierte Luft oder Gemische für Taucher enthalten extrem wenig Feuchtigkeit. Beim Atmen dieser Luft wird den Tauchern kontinuierlich Feuchtigkeit entzogen. Auch das Schwitzen im Neoprenanzug, der schon vor dem Tauchgang getragen wird, ist nicht zu unterschätzen. Folgen sind ein erhöhter Flüssigkeitsverlust (Dehydration) und ein unangenehm „trockener“ Mund. Außerdem kann eine Dehydration Symptome einer Dekompressionskrankheit hervorrufen.
Mit dem SCUDA-System ist es möglich, auch unter Wasser Flüssigkeit zu trinken. Das System besteht aus einem Mundstück mit einer integrierten Röhre, die mit einem flexiblen Behälter (0,33 Liter) verbunden ist. Der Trinkbeutel kann vom Mundstück getrennt und separat an der Ausrüstung befestigt werden, natürlich können auch mehrere Trinkbeutel mitgeführt werden. Durch einen automatischen Druckausgleich kann das System in jeder Tauchtiefe verwendet werden.

Weitere Informationen:
Tauchzubehör Höfling, SCUDA Marketing
Zirndorfer Weg 1, 90556 Seukendorf
Telefon: 0911/ 754 04 90, Fax: 0911/ 754 05 17
E-Mail: info@scuda.de, Homepage: www.scuda.de

Es war alles in allem kein „Zuckerschlecken“, und nach einem langen Tag fallen Diabetiker und Nicht-Diabetiker gleichermaßen erschöpft ins Bett. Nur, daß der Diabetiker in der Regel nach ein paar Stunden noch einmal seinen Blutzuckerspiegel wegen des Muskelauffülleffekts kontrollieren muß. Je nach Intensität des Tages habe ich natürlich das Basalinsulin zur Nacht reduziert und mir noch eine kleine „Mitternachts-BE“ gegönnt.

Mit jedem weiteren Tauchgang wuchs die Erfahrung. Ich kann jetzt sehr genau einschätzen, was mich unter Wasser erwarten wird, welche Anforderungen an mich gestellt werden, gehe ich „privat“ tauchen oder kümmere ich mich um Tauchschüler. Habe ich Tauchschüler, dann bewege ich mich deutlich mehr. Dementsprechend muß ich mein Insulin stärker reduzieren und auch mehr Sport-BEs einsetzen. Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist auch der Weg ins Wasser. Denn auch hier macht es einen Unterschied, ob ich meine Ausrüstung mit einem Gewicht von mind. 25 kg, 100 oder 500 Meter bis zum Baggersee tragen muß.

Nach fast 8 Monaten war es dann endlich soweit: Ich hatte alle Prüfungen bestanden und bin nun ein aktiver PADI-Divemaster mit Diabetes. (Damit bin ich in Deutschland mit einer der ersten diabetischen Assistenten im Lehrstatus ) Das ist ein immens tolles Gefühl. Ich habe dabei sehr viel Einfühlungsvermögen und Verständnis von meinen Mitmenschen erfahren. Schon jetzt darf ich bedingt mit Tauchschülern und anderen, „nicht so geübten“ Tauchern ins Wasser und ihnen etwas von der Faszination Tauchen vermitteln.

Jetzt mache ich natürlich weiter und stecke schon wieder mittendrin in der Theorieprüfung zum PADI-Assistant-Instructor. Wenn dies geschafft ist, dann fehlt nur noch ein kleiner Schritt bis zum PADI-Instructor, dem Ausbilder für Taucher.

Nicht zu vergessen sind natürlich die vielen anderen schönen Tauchgänge, die wir in diesem Jahr gemacht haben. Sei es an den farbenfrohen Riffen im Roten Meer, dem glasklaren Wasser im schweizerischen Verzasca-Tal oder die antiken Amphorenfelder im Mittelmeer vor der türkischen Küste. Auch unsere 10jährige Tochter hat das Tauchen gelernt und geht jetzt mit dem Papa öfters einmal unter Wasser. So ist das Tauchen zu einem Familiensport geworden. Mit meiner Verantwortung, die ich jetzt schon trage, bin ich zu einem großen Verfechter der Tauchsicherheit geworden. Das bedeutet vor allem, daß ich meine persönlichen Grenzen kennen und respektieren muß. Wie schön sind lange Tauchgänge, aber nach spätestens 90 Minuten sollte man wieder an der Oberfläche sein. Auch will und kann ich als Diabetiker nicht zu einem „Tiefenjäger“ werden. (Anm.: Ab einer gewissen Tiefe reagiert der Körper auf den gelösten Stickstoff im Blut. Dies bezeichnet man als Tiefenrausch. Die Symptome sind ähnlich wie bei einer Unterzuckerung und somit schwer zu unterscheiden.) Tauchen soll vor allem Spaß machen.

Ich wollte hier darlegen, daß es durchaus möglich ist, gewisse Grenzen neu zu defi nieren und es sich immer lohnt, Träume und Ziele zu haben. Und auch, daß Diabetiker durchaus in der Lage sind, diesem Hobby nachzugehen, wenn sie die folgenden Regeln beachten:

  1. Die Tauchtauglichkeit muß ein Diabetologe feststellen und jedes Jahr aufs neue untersuchen. (Attest s. o. im Kasten)
  2. Insulindosisreduktionen sind je nach Art, Intensität und Dauer des Tauchgangs, der Wasser- und Außentemperatur, dem Abstand zur letzten Bolusgabe etc. von circa 30 – 90 % sowohl beim Basal- als auch beim Mahlzeiteninsulin erforderlich.
  3. Glukose (oder Flüssigzucker) sollte mitgeführt werden (am besten geeignet hier in Form von Jubin Glukosegel und eines SCUDA s. u. im Kasten) und Glukagon sollte in unmittelbarer Reichweite vorrätig sein.
  4. Mindestens 3 Blutzuckermessungen vor dem Tauchgang. (60 und 30 min und unmittelbar vor dem Tauchgang). Diese Werte sollten immer eine steigende Tendenz aufweisen und mindestens bei 160 mg/dl oder höher liegen.
  5. „Sport-BE“ je nach Höhe des Blutzuckerspiegels vor dem Tauchgang – am besten in flüssiger Form, da diese schneller resorbiert werden und gleichzeitig der Dehydrierung entgegenwirken.
  6. Das Logbuch wird in Kombination mit einem Diabetes-Tagebuch geführt. Als Reverenz für zukünftige Tauchgänge und um die individuelle Therapieanpassung mit dem Diabetesteam besprechen zu können (Diabetes- und Tauchlogbuch s. Abbildung).
  7. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr von 1½ bis 2 Litern Wasser auf 2 bis 3 Stunden vor jedem Tauchgang verteilen. Den Durst nach dem Tauchen nie mit Alkohol löschen!
  8. Weitere und engmaschige Blutzuckermessungen sowie eine Reduzierung der Insulindosis (sowohl Basal- als auch Mahlzeiteninsulin) sind auch Stunden nach der Aktivität dringend erforderlich, um nicht das Opfer einer späten Hypoglykämie zu werden.
  9. Tauche nie alleine. Sprich mit Deinen Tauchpartnern über den Diabetes und die möglichen Probleme, die auftreten können. Informiere sie genau darüber, was in einem Notfall zu tun ist (wiederhole u. a. die Jubin-Übung im Buddy-Team routinemäßig).
  10. Tauche innerhalb Deiner persönlichen Grenzen. Damit sind die körperliche Fitneß, die körperliche Wahrnehmung und der Wissensstand über das Tauchen gemeint. Achte auf Dich und andere. Bei Unwohlsein sage einen Tauchgang ab – jeder hat dafür Verständnis.

Bei Beachtung dieser Punkte, wobei die Liste sicher noch um weitere Punkte ergänzt werden könnte, steht der Ausübung des Tauchsports für Diabetiker eigentlich nichts im Wege. Auf die Verhaltensweisen und Insulinanpassungen bei Flug- oder Fernreisen möchte ich nicht eingehen. Diese sollten jedem gut geschulten Diabetiker bekannt sein. Nach einem langen und anstrengenden Flug ist es ratsam, nicht sofort ins Meer zu springen, sondern dem Körper ein wenig Zeit zu geben, sich an die Wärme und die anderen klimatischen Gegebenheiten zu gewöhnen.

Wir alle können die schöne Unterwasserwelt kennen- und lieben lernen. Auch das tolle Gefühl der Schwerelosigkeit und der unbeschreiblichen Ruhe unter Wasser. Medizinisch gesehen gibt es eigentlich keinen Grund, es nicht zu tun. Es gibt ja auch querschnittsgelähmte Taucher und Menschen mit anderen Behinderungen, für die dieser Sport eine Bereicherung ihrer Lebensqualität darstellt.

Tauchen beginnt im Kopf. Man muß dafür bereit sein. Bereit sein, es einfach einmal zu probieren oder es einfach nur zu tun. Tauchen beginnt mit einem großen Schritt. Einem großen Schritt vorwärts und dann hinab in die Tiefe….

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Anmerkung:
Aus eigenem Interesse wird das Thema Diabetes und Tauchen immer interessant bleiben. Ich bin dankbar für jeden weiteren Tip. Bis dahin werde mich weiter beobachten und mich weiterbilden. Vielleicht werde ich einen Tauchkurs speziell für Diabetiker konzipieren.

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Kontaktaufnahme und Infos:
Maximilian Wilkendorf (IDAA-Ansprechpartner Tauchen) »

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