Jahrbuch 2007: Diabetes, Bewegung und Sport – eine gesunde Herausforderung

Internationaler Kongreß der DESA/IDAA in Papendal, Arnheim vom 06.–09.09.2006

Papendal, das olympische Trainingszentrum der Niederland war der perfekte Austragungsort für ein internationales Treffen der DESA-assoziierten Organisationen. Der Vereinssport ist in den Niederlanden auch heute noch sehr populär. Papendal ist das Zentrum der nationalen Sportföderation der Niederlande, welches Sportprogramme für mehr als 10.000 Mitgliedsvereine landesweit ausrichtet und fördert.

Besucher aus über 10 Ländern, darunter Kasachstan, Bolivien, Aserbaidschan und Australien, wurden vom gastgebenden holländischen Kongreßkomitee herzlich empfangen und durch eine gut geplante und organisierte Konferenz geleitet. Der am stärksten vertretene Verband war wie so oft die italienische Delegation der ANIAD mit über 40 aktiven Teilnehmern.

Bei dem Treffen zur offiziellen Kongreßeröffnung am Mittwochabend, den 6. September, bildeten die Konferenzteilnehmer das Empfangskomitee für eine Gruppe italienischer Rennradfahrer, die mit ihren Rädern 1100km von Rom aus über die Alpen nach Papendal zurückgelegt hatten. Angeführt von dem renommierten Diabetologen Dr. med. Pierpaolo de Feo demonstrierte die Gruppe der diabetischen Rennradfahrer auf äußerst eindrucksvolle Weise das Motto, welches auf ihren Rennradtrikots zu lesen war: „Diabetes verändern“. Dr. de Feo verkündete in diesem Rahmen gleichzeitig seine Pläne für ein internationales Radrennen diabetischer Sportler in der Toskana im Oktober 2007.

Dr. Leo Here, der medizinische Direktor des olympischen Trainingszentrums und gleichzeitig Präsident der niederländischen Sektion der DESA, war Vorsitzender des Organisationskomitees des diesjährigen internationalen Kongresses in Papendal. Leo Here gehört seit 1985 dem internationalen Vorstand der DESA an und ist seit Jahren eine der treibenden Kräfte bei der Planung und Gestaltung vieler DESA-Aktivitäten und ist ebenso mit fast 100 absolvierten Marathonläufen ein herausragendes Vorbild als diabetischer Athlet für andere diabetische Sportler.

Hier einige Auszüge aus Leo Heres Eröffnungsrede: „… das diesjährige Motto unserer DESA-Konferenz, Diabetes, Bewegung und Sport – eine gesunde Herausforderung wurde gewählt, weil wir mit der weltweiten Herausforderung, Millionen von Menschen mit Diabetes erfolgreich zu behandeln, konfrontiert sind, und dabei sollen der Bewegung und dem Sport hier nun die zentrale Schlüsselrolle zufallen. Diese auf wissenschaftliche Art und Weise zu untersuchen sowie anzusprechen und Bewegung und Sport im täglichen Leben anzuwenden, repräsentiert das Hauptziel der DESA/IDAA: die Erkrankung kontrollieren steht für eine gesunde Herausforderung!“
(Die pdf-Dokumente der Vorträge und Präsentationen können unter: www.diabetessports.nl eingesehen und heruntergeladen werden.)

Der erste Tag widmete sich wissenschaftlichen Forschungsprojekten und aktuellen Studien über Bewegung und Sport bei Typ-1-Diabetikern. Dr. Per-Henrik Groop aus Finnland präsentierte einige vorläufige Ergebnisse einer groß angelegten Studie, die derzeit in Finnland läuft. Über 2000 Teilnehmer sind in dieser mehrjährigen Studie eingeschlossen, die die Untersuchung auf diabetische Stoffwechselprozesse durch Sport und körperliche Aktivität auf unterschiedlichen, fest vorgeschriebenen Niveaus beinhaltet. Es wird erwartet, daß diese Studie nach der Auswertung aller Forschungsergebnisse zweifelsfrei – auch den Richtlinien der wissenschaftlichen quantitativen Evidenz entsprechend – belegt, daß mit körperlicher Aktivität ein außerordentlich positiver Effekt bei der erfolgreichen Behandlung von diabetischen Patienten erzielt wird.

Dr. David Marrero von der Indiana Universität präsentierte die physiologischen Zusammenhänge der durch Sport induzierten Hypoglykämie, und Dr. Bruce Perkins aus Toronto hielt einen ausgezeichneten Vortrag über die Vorteile der Insulinpumpentherapie bei körperlicher Aktivität im allgemeinen und Leistungssport im speziellen (s. auch Seite xxx).

Nach der Mittagspause folgten mehrere parallel verlaufende Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunktthemen, u.a. über die kontinuierliche Blutzuckermessung bei Ausdauersport von Ulrike Thurm, Vorsitzende der IDAA Deutschland, die neuen französischen Richtlinien beim Tauchen von Alexis Tabah und ein hervorragender Film von Dr. Gerardo Corigliano über die erfolgreiche Gipfelbesteigung des Pik Lenin in Kirgisistan. Diese Expedition wurde von drei diabetischen Bergsteigern und früheren DESA-Preisträger Marco Peruffo aus Italien, David Panofsky aus den USA und Nikki Wallis aus Wales, unternommen und filmisch mit sehr stimmungsvollen Bildern, dramatischen Momenten und spannenden diabetischen Detailinformationen über die erfolgreiche Stoffwechselkontrolle und Therapieanpassung unter diesen extremen Bedingungen dokumentiert.

Andere Workshops behandelten Themenkomplexe wie z. B. die Motivation von körperlich inaktiven Kindern und Jugendlichen zu mehr Bewegung, die Rolle von Eiweiß im Training bei diabetischen Leistungssportlern sowie die Bedeutung von neuen Analoginsulinen im Sport. Dr. med. Rüdiger Klare aus Radolfzell präsentierte hier das DiSko- Projekt, das beim internationalen Publikum auf große Begeisterung und reges Interesse stieß. Vielleicht wird DiSko jetzt ja zu einem internationalen „Spaziergang“ im Rahmen des europäischen Zusammenwachsens – das wäre zu hoffen.

Am Donnerstagabend wurde wieder das alljährliche Lifescan-Galadinner zu Ehren der frisch gekürten Welt-Diabetes-Sportler veranstaltet. Die diesjährigen Preisträger waren: Jordan Perlman, Kerry White und Travis Pasco. Überreicht wurden die Preise von Johan Desmedt, Direktor von Lifescan Niederlande, wieder an drei diabetische Sportler, die mit der Präsentation ihrer beeindruckenden Biografien alle Zuhörer motiviert und begeistert haben.
Die wissenschaftlichen Vorträge am Freitag fokussierten das Thema Bewegung und Sport bei Menschen mit einem Typ-2-Diabetes. Die Vorträge von Ellen Black und Hans Keizer beschäftigten sich mit zwei aktuellen Studienprojekten der Universität von Maastricht, bei denen die Life-Style-Modifikation dieses Patientenklientels im Mittelpunkt der Untersuchung steht. Am Nachmittag wurden wieder parallel laufende Workshops, diesmal sowohl in Englisch als auch in Niederländisch, zu vielen praktischen Aspekten der Behandlung von Patienten mit einem metabolischen Syndrom angeboten. Das Spektrum reichte von physiologischen Aspekten der Trainingslehre über die Verbesserung der peripheren Insulinempfindlichkeit bis hin zu neuen Coaching- und Kommunikationsansätzen für das betreuende medizinische Personal.
Am Samstag stand dann endlich das im Vordergrund, was in den vorangegangenen Tagen intensiv theoretisch diskutiert, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus untersucht und beleuchtet wurde: die Bewegung und der Sport.

Über 500 aktive Diabetiker hatten die Möglichkeit, die wunderbaren Trainings- und Sportmöglichkeiten des Olympiastützpunktes der Niederlande mit ihren unglaublich vielfältigen Angeboten zu nutzen. Die Kursangebote reichten von Aerobic über Radfahren, Inlineskaten, Beachvolleyball, Walken, Nordic Walking, Joggen, Leichtathletik, Tanzen, Boule, Basketball, Volleyball usw. bis hin zum traditionellen Fußballspiel, welches bei keinem internationalen DESAKongreße fehlen darf: Italien gegen den Rest der Welt.

Italien … keiner wird das unsägliche Endspiel der Fußball WM 2006 in Deutschland, den Kopfstoß von Zinedine Zidane, das Elfmeterschießen vergessen, und jetzt stand da wieder eine italienische Mannschaft, die eingespielt war, einem internationalen Team gegenüber, deren Problem schon in der schlichten Kommunikation begann. Aber im Detail sah es noch viel kurioser aus, da z. B. der kasakische Stürmer kein Wort englisch sprach, der australische Torhüter nur die Regeln des „aussie rules Rugby“ kannte. Aber was können schon schnöde Technik und Taktik ausrichten gegenüber unbändiger Leidenschaft, Kampfgeist und dem Willen, alles für das Team zu geben, mit ganzem Herzen für eine „Revanche“ zu kämpfen. Das Unglaubliche geschah, die Kapitänin und einzige Frau auf dem Platz, Ulrike Thurm, feuerte ihr internationales Team unaufhörlich mit Gestik, Mimik und unüberhörbaren Motivationskommandos an und wirklich, der „Rest der Welt“ ging in der ersten Halbzeit 2:0 in Führung. Eine Premiere, das hatte es in all den Jahren noch nie gegeben, die eingespielte Fußballmannschaft der Italiener lag wirklich zurück.
In der Halbzeitpause verlor das Ganze dann den Charakter des Freundschaftsspiels, die verbalen Schimpftiraden, die die Italiener vor dem Seitenwechsel von ihrem Trainer über sich ergehen lassen mußten, hatten nichts mehr mit einer „Spaßveranstaltung“ zu tun. Es wurde ernst – das tat aber der geschlossenen Mannschaftsleistung des so bunt zusammengewürfelten Teams aus 4 Kontinenten keinen Abbruch, die Amerikaner, Kanadier, Niederländer, Australier, Kasachen, Bolivianer und die Deutsche hielten tapfer dagegen. Leider dann auch der australische Torwart einen Rückpaß seines eigenen Mitspielers mit der Hand – aus dem anschließenden Freistoß resultierte der Anschlußtreffer. Auch ließ die Kondition von einigen Mitspielern etwas nach, und die Ballannahmen und Pässe wurden durch die jetzt massiven und teils auch aggressiven Tacklings der Italiener sehr gestört. Es kam, wie es leider kommen mußte, der Ausgleich wurde geschossen, und in der letzten Spielminute gelang es den Italienern dann, das Spiel mit 3:2 doch für sich zu entscheiden.

Aber wie bei der WM nur vom Spielstand her, die Zuschauer hatten sich allesamt längst entschieden, das internationale Team wurde für seine überragende Vorstellung, in der sie nicht mit Können, aber mit Leidenschaft und Teamfähigkeit begeisterten, frenetisch gefeiert. Doch wieder mal war der „Weltmeister der Herzen“ nicht der Punktsieger des Spiels, aber es hat allen Beteiligten unglaublich viel Spaß gemacht, sowohl den Spielern als auch den Zuschauern und nach dem Siegtor wohl dann auch den Italienern. Das Gleiche galt auch für den gesamten Kongreß, es waren drei Tage voller spannender, interessanter Vorträge, ein unglaublich schönes Ambiente und einzigartige Sportanlagen des olympischen Leistungszentrums. Doch vor allem der Erfahrungsaustausch, die Gespräche mit so vielen diabetischen Sportlern aus den unterschiedlichsten Kontinenten war eine Bereicherung für jeden, der diesen Kongreß besuchen durfte, ein Erlebnis, welches man so schnell nicht vergessen wird. Wir danken Leo Here, dem holländischen Organisationskomitee, den Sponsoren, allen Helfern dafür, daß sie dieses möglich gemacht haben. Der nächste internationale Kongreß wird 2008 in Toronto, Kanada stattfinden. Vielleicht hat jetzt der eine oder andere Lust bekommen, einmal persönlich dieses Erlebnis genießen zu dürfen und außerdem wird es auch dort wieder heißen: Italien gegen den Rest der Welt – und die Hoffnung stirbt zuletzt!!!

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