Climbing for life 2024 in Belfort von Philipp Greisel und Tom Kemmer

 Zwei Tage – 225km – 3790 Höhenmeter – und das in einem der schönsten Mittelgebirge Europas

Climbing for life ist eine belgische, jährlich stattfindende Veranstaltung, bei der auf das Thema Diabetes und die positive Wirkung von Sport für die Diabeteseinstellung aufmerksam gemacht werden soll. Für die Teilnehmer gibt es an zwei Tagen jeweils 3 Wander-, Rad- und Traillauf-Strecken zur Auswahl. So gibt es ein breit gefächertes Angebot für alle Leistungsstufen. Uns wird aber schnell klar, dass vermutlich die wenigsten Teilnehmer selbst Diabetiker sind, zumindest tragen nur wenige einen Blutzuckersensor am Oberarm. Wie wir bald herausfinden, sind die meisten Teilnehmer mit Firmenteams angereist und betrachten die Veranstaltung als gemeinsame “Challenge” und Teambuilding Maßnahme. Gefühlt 95 Prozent der Starterinnen und Starter kommen aus Belgien. Die belgische Diabetesliga stellt ebenfalls einige Teilnehmer und erhält am Ende auch eine Spende von den Veranstaltern.

Tom:

Mein Name ist Tom Kemmer und ich bin seit Oktober 2021 mit der Diagnose Diabetes Typ 1 LADA konfrontiert. Als Insulin spritze ich am Abend Tresiba (6-8 Einheiten) und zum Essen Humalog nach Bedarf (8-12 Einheiten am Tag). Meine Ernährung habe ich deutlich umgestellt. Vor der Diagnose habe ich eher große Mengen an Kohlenhydraten gegessen. Heute esse ich deutlich mehr Gemüse und Salat. Fleisch esse ich nur sehr selten. Ich bin 54 Jahre alt und von Beruf Sportlehrer. Meine Hauptsportarten sind im Sommer Rennrad fahren und Tennis spielen. In den Ferien sind wir gerne am Meer zum Wellenreiten und Windsurfen. Im Winter spiele ich Hallenvolleyball und liebe die Berge zum Ski fahren. Die letzten Jahre habe ich begonnen morgens recht regelmäßig 20 Minuten Yoga zu machen. Bei Radmarathonveranstaltungen wie dem Ötztaler, dem Alpenbrevet oder dem Dolomiten Radmarathon nehme ich seit dem Jahr 2005 im jährlichen Rhythmus teil. Die zwei Teilnahmen bei der Marmotte in Frankreich in diesem und im letzten Jahr waren meine bisher größten Herausforderungen seit der Diabetes Diagnose.

Philipp:

Mein Name ist Philipp Greisel und ich bin seit über 30 Jahren Typ 1 Diabetiker. Meine aktuelle Therapie ist eine Insulinpumpentherapie mit AndroidAPS Loop Software. Sportlich aktiv bin ich schon immer, habe schon an zwei Langdistanz Triathlons und Duathlons, mehreren Triathlons, einen Marathon und an vielen kleineren Sportveranstaltungen teilgenommen. In den letzten Jahren habe ich es etwas ruhiger angehen lassen und war hauptsächlich als Fahrradpendler und mit den Kids aktiv. Dieses Jahr habe ich dann wieder etwas im Triathlon angegriffen und auch mal wieder auf der IDAA Homepage vorbeigeschaut. Dort las ich den Beitrag von Tom über Climbing for Life in den Vogesen. Radfahren in den Vogesen, das wollte ich schon immer, und so war ich gleich interessiert und habe Tom angeschrieben und mich auf den letzten Drücker angemeldet. Am Donnerstag trafen wir uns bei der Abholung der Startunterlagen zum ersten Mal und verstanden uns gleich sehr gut. Nach einer kurzen Infoveranstaltung, bei der wir wegen mangelnder Belgisch Kenntnisse wenig verstanden, gingen wir noch gemeinsam in der Stadt essen. 

Tag 1: 107 km und 1590 Höhenmeter

Tom:

Da der erste Tag eher einer langen Trainingseinheit gleicht, habe ich meine Basalrate am Abend nicht reduziert. Zum Frühstück habe ich mir Porridge mit Zimt, einen kleinen Apfel und ein Vollkornbrot zubereitet. Hier habe ich 40% weniger als gewöhnlich gespritzt. 90 Minuten später am Start war der Blutzucker aber bei einem Wert von 240 mg/dl. Das ist relativ hoch. Lieber wäre mir ein Wert von unter 200 mg/dl gewesen. Nach einer Stunde unter Belastung war mein Blutzucker in meinem Zielbereich zwischen 130 und 170 mg/dl. Sobald der Blutzucker bei 150 mg/dl war, habe ich regelmäßig Kohlenhydrate getrunken und gegessen. An den Verpflegungsstationen habe ich zu Beginn auf die Verpflegung des Veranstalters zurückgegriffen. Leider habe ich einen empfindlichen Magen und so habe ich mich damit nicht wirklich wohl gefühlt. Außerdem wusste ich nie genau, wie viele Kohlenhydrate ich zu mir genommen hatte. Gegen Ende habe ich dann doch wieder auf bekannten Gels von M.O.N zurückgegriffen. Hier wusste ich genau wie sie wirken und ich füllte mich wieder deutlich fitter. Die Aussicht am Le Ballon d’Alsace in 1247m Höhe war toll.

Ein toller Tag, viele kleine Straßen mit wenig Verkehr, eine sehr gute Organisation, eine sehr entspannte Atmosphäre ohne Zeitnahme – wir haben den Tag beide sehr genossen.

Wie werden die Beine am Tag 2 sein?

Philipp:

Zum Frühstück am ersten Tag gab es eine Mischung aus Müsli und Baguette vom kargen Hotel-Buffet mit auf 60% reduziertem Insulinbolus. Gleich danach senkte ich das Basalratenprofil auf 40% und legte für die nächsten 8 Stunden einen höheren Zielwert fest. Den in den nächsten zwei Stunden bis zum Start ansteigenden Blutzucker nahm ich in Kauf, da ich wusste, dass er bei den folgenden Belastungen sicher wieder fallen würde. So stand ich am Start mit einem Wert von knapp unter 300 mg/dl. Das Feld der circa 1500 Radfahrer brauchte seine Zeit, um sich seinen Weg aus Belfort zu bahnen. Die Straßen wurden zwar an vielen Kreuzungen durch Streckenposten abgesichert, trotzdem waren die Straßen nicht für die Veranstaltung gesperrt und man musste sich an die Verkehrsregeln halten. Außerhalb der Stadt wurden die Straßen schnell kleiner und das Profil hügeliger. Mein Blutzucker begann langsam zu fallen und näherte sich nach einer Stunde einem Wert von 200 mg/dl, so dass ich nun langsam begann, aus meiner Radflasche mit dem hochdosierten Energiegetränk kleine Schlücke zu nehmen. Während ich bisher Kohlenhydrate gegessen hatte, wenn der Zucker es verlangte, versuche ich in letzter Zeit bereits früher regelmäßig Kohlenhydrate zu mir zu nehmen. Zwar habe ich dadurch mehr wirksames Insulin an Bord, dafür ermüde ich aber bei langen Belastungen gefühlt später. Die Radstrecke führte wunderbar auf kleinen schattigen Straßen entlang mit dem Col de Hundsruck und dem Ballon d’Alsace als Höhepunkt. Es fanden sich in den Ebenen immer wieder Gruppen, mit denen wir gut mitfahren konnten und uns in der Tempoarbeit abwechseln konnten. 

So erreichten wir nach weniger als 5 Stunden wieder Belfort, schnappten uns dort erstmal eine kleine Pizza als Zielverpflegung und ein kühles Erfrischungsgetränk. Für den Abend verabredeten wir uns nochmal zum Essen in der Altstadt von Belfort, wo wir dieses Mal im Au Caveau Belfort ein vorzügliches elsässisches Abendessen genossen. 

Tag 2: 116 km und 2200 hm mit Bergankunft am La Planche des Belles Filles 

Tom:

Leider hatte ich in der Nacht über vier Stunden hinweg mit Werten zwischen 200 mg/dl und 250 mg/dl zu kämpfen. Das traditionell elsässische Essen aus Reibekuchen war sehr fetthaltig und sehr kalorienreich. Durch das Fett gelangten die Kohlenhydrate erst verspätet in die Blutbahn. Dennoch fühlten sich die Beine gut an. Der Start war an diesem Tag in das 20 km entfernte Ronchamp verlegt. Das machte es möglich, eine neue Region der Vogesen zu erkunden. Meine Basalrate habe ich am Abend um ca. 20% reduziert. Ich wusste, dass der kommende Tag über mehr als 6 Stunden Belastung gehen würde. Aufgrund der Anfahrt betrug die Zeit zwischen Frühstück und Start etwa zwei Stunden. Deshalb habe ich den Bolus nur 20% reduziert. Am Start hatte ich einen Wert von 225 mg/dl. 

Die ersten 85 km gingen mit leichtem Auf und Ab durch den südlichen Teil der Vogesen. Die zwei Verpflegungsstellen waren sehr gut organisiert und wir trafen wiederholt tolle Gruppen zum Windschattenfahren. Dadurch waren die ersten 1000 Höhenmeter schnell bewältigt. Mein Blutzuckerspiegel hatte sich auf Werte zwischen 130 mg/dl und 150 mg/dl eingependelt –perfekt.

Am Col des Chevrères mit einer Passage über 3,5 km, einer durchschnittlichen Steigung von 9,5 % und der steilsten Stelle mit 15 %, mussten sehr viele Teilnehmer absteigen und ihr Rennrad schieben. Ich musste nicht absteigen, aber der Anstieg auch zu steil und die Belastung zu hoch, um beim bergauf Fahren etwas zu essen. Mit einer Kompaktkurbel vorne und einem 32er Kettenblatt hinten war die Trittfrequenz zu niedrig. Gleich hinter der Passhöhe auf 916 m war eine Verpflegungsstelle eingerichtet. Leider war mir so schlecht, dass ich kaum etwas essen konnte. Meine flüssigen Kohlenhydrate aus der Trinkflasche waren bereits aufgebraucht. An den Verpflegungsstellen gab es zwar Gels, aber keine kohlenhydratreichen Getränke. Philipp hatte für diesen Anstieg eine etwas bessere Übersetzung (34er Kettenblatt hinten) und mehr Saft in den Beinen. Da er dankenswerter Weise auf der Passhöhe auf mich gewartet hat, konntet wir trotzdem gemeinsam weiterfahren.

Die Veranstalter hatten das Tagesziel als Highlight der Veranstaltung auf den Gipfel des La Planche des Belles Filles auf 1148 m gelegt. Hier kamen die Wanderer und Läufer mit allen Radfahrern zusammen. Zur Versorgung hatte ich in der letzten Stunde wieder verstärkt auf meine mir bekannten Gels und Porridge Bars von M.O.N. zurückgegriffen. Trotzdem ging mir auf den letzten 300 Höhenmetern die Energie aus. Meine Blutzuckerwerte waren auf unter 100 mg/dl gerutscht. Ich vermute, ich hatte zuvor insgesamt zu wenig gegessen. Ich quälte mich mit der falschen Übersetzung nur noch langsam bergauf. 100 Höhenmeter vor dem Ziel musste ich dann auch absteigen und eine kleine Pause machen. 

Der steile Schlussanstieg mit über 15% auf einem schmalen Wirtschaftsweg entlang der Skipiste war mit Menschen gesäumt. Die Stimmung im Ziel war überragend und ich war so glücklich endlich oben sein zu dürfen.

Philipp:

Mir war nicht klar, wie sich meine Beine am Samstag anfühlen würden, da ich am Samstag davor erst bei der O-See Challenge in Zittau am Start stand und bis Mittwoch noch einen Muskelkater hatte. Aber die Treppenstufen zum Frühstück meisterte ich ohne Probleme und so fuhr ich frohen Mutes nach Ronchamp zum Start der zweiten Etappe. Da wir wussten, dass die wirklichen Schwierigkeiten dieser Etappe erst nach Kilometer 90 auf uns warteten, ließen wir es anfangs ruhig angehen. Schnelle Gruppen ließen wir lieber fahren und wechselten uns dann mit etwa gleich starken Radlern in der Gruppenarbeit ab. Der Blutzucker war nach dem Frühstück mit reduziertem Bolus wieder angestiegen, fiel dann aber schnell in normale Bereiche. Bei einer solchen Radfahrt, vor allem wenn viel in Gruppen gefahren wird, peile ich lieber einen höheren Zielwert (120 mg/dl – 200 mg/dl) an. Ich trank wieder regelmäßig Schlucke von meinem hochdosierten Energiegetränk und versorgte mich an den 3 Verpflegungsstationen zusätzlich. Die Strecke führte über kleine kurvige Straßen mit einem ständigen Auf und Ab durch die wunderschöne Landschaft. Der Anstieg auf den Col de Chevrères, der anfangs noch gut zu fahren ist, wird auf den letzten Kilometern sehr steil. Gefühlt die Hälfte der Teilnehmer schiebt hier sein Fahrrad. Danach folgt eine schnelle Abfahrt über die Ostseite des Berges, auf der die Straße besser ausgebaut und weniger steil ist. Nur wenige flache Kilometer später erfolgte dann der Schlussanstieg zum Planches des Belles Filles. Der Anstieg war für die Veranstaltung abgesperrt und ermöglichte so eine Auffahrt ohne Risiko durch motorisierten Verkehr. Die Steigung war, typisch Vogesen, nicht besonders lang, aber dafür steil. So war ich doch ganz froh, dass ich hinten noch ein Rettungsritzel montiert hatte. Die Veranstaltung endete auf Höhe der Skistation, aber wenn man schon mal dort oben ist, kann man auch auf den Super Planches des Belles Filles weiterfahren. Dieser letzte Kilometer hatte es mit Schotteruntergrund und Steigungen bis 24% nochmal in sich. Aber nach einer kurzen Quälerei war auch dieses Stück geschafft. Nachdem ich kurz den Ausblick und die Ruhe genossen hatte, rollte ich zurück zum eigentlichen Ziel und habe mich zu Tom erstmal in die Wiese gesetzt. 

Danach ging es nur noch 20 km bergab zurück zum Start nach Ronchamp zur Pasta Party.

Nach der Belastung stieg bei uns beiden der Blutzuckerspiegel an. Vermutlich war die Fettverbrennung noch sehr aktiv. Zur Pasta Party haben wir beide etwas mehr Insulin gespritzt oder eingestellt, damit die Werte zwischen 120 und 180 mg/dl bleiben. Immerhin wollten wir danach noch mit dem Auto nach Hause fahren.

Fazit:

Die Teilnahme bei einem Radmarathon sollte auf jeden Fall gut geplant werden. Es empfiehlt sich seine Verpflegung weitgehend selbst mitzunehmen. Die Verpflegungsstellen können allenfalls als kleine Ergänzung dienen. Sollte es sich um einen Bergmarathon handeln, schaut unbedingt nach den steilsten Passagen und montiert ein entsprechendes Ritzel (32 oder besser 34) als Reservegang. Dann macht das Kurbeln deutlich mehr Spaß.

Insgesamt war es ein tolles Wochenende, welches in Gesellschaft immer mehr Spaß macht als alleine. Wir denken, es sollte noch mehr Sportveranstaltungen für Diabetiker geben, bei denen sich Sportlerinnen und Sportler über Einstellungen und mögliche Lösungen unter Belastung direkt austauschen können. Hier kann man so viel lernen und sehen, dass viel mehr möglich ist, als weithin gedacht wird. 

Philipp & Tom

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

5 Kommentare
Oldest
Newest Most Voted
Andreas

Vielen Dank für Euren ungewöhnlichen, aber sehr spannenden Bericht. Es ist etwas Besonderes, zwei unterschiedliche Perspektiven auf die gleiche sportliche Belastung zu lesen.

T.P.

Danke für den detaillierten und spannenden Bericht. Sportliche Grüße aus der sächsischen Schweiz. Torsten

Tobi Schäf

Danke für diesen Bericht. Fahrt ihr 2025 Jahr wieder?

Last edited 1 Jahr zuvor by Tobi Schäf
Tobi Schäf

Die ist auch toll! Ich hatte viel Spaß dabei. Mitentscheidend ist neben dem Nutritonplan auch die Klamottenwahl. Viel Spaß dabei. Die Belgier können Radsport 🙂