Erfahrungsbericht zum Radmarathon La Marmotte in den französischen Alpen

Start: 25. Juni 2023 um 7 Uhr in Bourg d’Oisans.

Auf der 186 km langen Strecke mit den Tour de France-Pässen Col de la Croix de Fer (2 067 m), Col du Télégraphe (1566 m) und Col du Galibier (2642 m) müssen über 5.500 Höhenmeter überwunden werden. Am Ende der Strecke wartet der 14 Kilometer lange Anstieg nach Alpe d’Huez (1812 m) mit 21 Haarnadelkurven. Jedes Jahr gehen bei diesem Radmarathon bis zu 7.500 Teilnehmer an den Start. https://marmottegranfondoalpes.com/en/

Kurz zu mir:

Bei mir wurde Diabetes erst im Alter von 51 Jahren als Typ LADA diagnostiziert. Die zwölf Monate zuvor hatte ich nahezu alle Symptome einer Stoffwechselentgleisung. Ich hatte bis zur Diagnose fast zehn Kilo abgenommen und war völlig kraftlos.

Seit Oktober 2021 spritze ich nun Insulin (Humalog, Tresiba) und mein Körper hat sich sehr gut erholt. Da ich die Kohlenhydrataufnahme reduziert habe und ich mich in der „Honeymoon-Phase„ befinde, brauche ich aktuell nur wenig Insulin. Deshalb verwende ich auch keine Insulinpumpe.

Seit 2004 nehme ich jährlich bei einer Radmarathon Veranstaltung teil (Ötztaler, Alpenbrevet, Dolomiten-Radmarathon). Ich bin Sportlehrer und treibe auch sonst sehr viel Sport (Tennis, Volleyball, Windsurfen, Skifahren).

Mein Diabetologe hat mich auf die Sportfibel gebracht. Das Buch hat mich sehr inspiriert und dazu motiviert, meinen Sportarten trotz Diabetes weiter nachzugehen.

Von ihm bekam ich auch die medizinische Bescheinigung, dass ich an dieser Radmarathon-Veranstaltung teilnehmen darf. Diese Bescheinigung ist Voraussetzung für eine Teilnahme in Frankreich.

Mein Ziel war es diese lange Strecke vergleichbar zu einer langen Bergwanderung ohne Hektik zu bewältigen. Bei meinen aktuellen Trainingsfahrten habe ich beobachtet, wie ich durch eine gleichmäßige Ernährung meinen Blutzuckerspiegel recht konstant zwischen 120 und 150 (mg/dL) halten kann. Der FreeStyle Libre3 liefert mir die entsprechenden Werte.

Zunächst war ich mir nicht sicher, ob ich meine gesamte Verpflegung mitführen möchte oder das Risiko eingehe und auf die angebotenen Verpflegungsstellen zurückgreifen würde. Ich konnte mir auch sehr gut eine Kombination vorstellen.

Wir waren eine Gruppe von vier Fahrern aus Speyer und freuten uns auf ein gemeinsames verlängertes Wochenende in Frankreich. Übernachtet haben wir in einem Mobil Home auf dem Campingplatz in Bourg d’Oisans.

Noch eine Woche bis zum Radmarathon

Die Vorbereitung lief insgesamt sehr gut und meine Blutzuckerwerte waren Dank des Ausdauertrainings gut. Leider hatte der letzte Freestyle Libre 3 in der Ostsee am 11. Tag den Geist aufgegeben und der aktuelle Sensor maß entweder sehr niedrige Werte – blutig ca. 25 % höher – oder es waren keine Daten (Sensorfehler) vorhanden. Bei der Verpflegung habe ich mich entschieden, möglichst wenig auf die Verpflegungsstellen des Veranstalters angewiesen sein zu müssen und dafür meine ganze Verpflegung mit an den Start zu nehmen. Die Gels und Porridge Bars von M.O.N habe ich im Training sehr gut vertragen.

Drei Tage vor dem Radmarathon habe ich mir einen neuen Sensor gesetzt. Die Werte des alten Sensors waren mir zu ungenau. Sie waren weiterhin ca. 25 % zu niedrig. Ich wollte möglichst exakte Werte haben. Ich hatte Glück und der neue Sensor lieferte ab der ersten Stunde sehr genaue Werte.

Ausgerüstet mit einem Ersatzsensor und entsprechenden Ersatz-Pens (Tresiba und Humalog) startete ich am Freitagmittag mit meinen drei Freunden nach Frankreich. Bei einer Autofahrt muss ich immer etwa die doppelte Menge wie zuhause spritzen. Da ich aber nur Mitfahrer war, konnte ich hier sehr entspannt sein.

Am Abend, zwei Tage vor dem Rennen, habe ich meine Basalrate noch gleich gelassen. Am nächsten Tag stand nur eine Rennradrunde über ca. 40 km mit nur wenigen Höhenmetern auf dem Programm.

Am Abend vor dem Radmarathon wurde ich sehr nervös. Meine Basalrate habe ich um 30% von 6 auf 4 Einheiten reduziert. Das Nudelgericht am Abend habe ich mit zwei Einheiten Humalog gekontert. Ich vermute durch den Käse und die Aufregung sind die Werte in der Nacht über vier Stunden bei fast 250 mg/dl geblieben. Ich habe geschwitzt und extrem schlecht geschlafen. Vielleicht war die Mahlzeit zu groß. Hier würde ich das nächste Mal weniger Nudeln essen. Den Alarm hatte ich ausgestellt, da ich in den letzten Monaten sehr viele nächtliche Fehlalarme hatte.

Am Abend habe ich entschieden, meine gesamte Verpflegung an Riegeln und Gels für den Radmarathon beim Start mitzunehmen. Ungefähr 500 Gramm Zusatzgewicht sind einerseits ärgerlich, andererseits wusste ich dadurch recht genau, was ich auf dem Rad zu mir nehmen werde.

Um 5.30 Uhr sind wir aufgestanden. Start war erst um 7.40. Damit war klar, dass ich mein Frühstück aus Hafer-Dinkel Porridge mit Obst, Zimt, Honig, Kaffee und zwei Eiern zumindest mit einer Einheit Humalog behandeln sollte.
Zum Start hatte ich dann einen Wert von 190 mg/dl mit horizontalem Trendpfeil. Für mich super.

In meinen Flaschen hatte ich 1,5 Liter Fast Carb von MON, ein kohlenhydratreiches Getränk für intensive Belastungen. Nach acht Kilometern in der Ebene kamen wir an den ersten Anstieg über 1200 Höhenmeter und die Belastung wurde entsprechend hoch. Durch das Abendessen, das umfangreiche Frühstück und das Getränk blieb mein Blutzuckerspiegel für die ersten zwei Stunden sehr stabil bei meinem Zielwert von 140 – 180 mg/dl.

An den folgenden vier Verpflegungsstellen des Veranstalters beschränkte ich mich darauf Wasser aufzutanken und ein bisschen Weißbrot, Käse und kleine Stückchen Orange zu essen. Bei 4300 Starterinnen und Startern waren viele Versorgungsstationen nicht mehr ausreichend mit Gels bestückt. So war ich heilfroh, dass ich meine eigenen Sachen aus dem Training dabei hatte und keine Experimente machen musste.

Das Elektrolytgetränk des Veranstalters (Powerbar) habe ich versucht und teilweise getrunken. Allerdings konnte mir niemand sagen, wie die Mischung ist oder wie hoch der Kohlenhydratanteil im Getränk ist. Da mein Magen ohnehin langsam rebellierte, beschränkte ich mich darauf nur noch Wasser aufzufüllen.

Nun ging es über die großen Pässe, welche schon häufig bei der Tour de France befahren wurden. Das Panorama war fantastisch, das Wetter perfekt. Beim Start hatten wir bereits 11 Grad und den ganzen Tag traumhaften Sonnenschein. An den Anstiegen in der baumlosen Höhe zeigte mein Garmin Navigationsgerät allerdings Temperaturen von über 30 Grad an. An den vielen Wasserstellen konnte ich aber problemlos Wasser nachfüllen.
So hatte ich bis zum Ziel sechs Gels (je 40 gr Kohlenhydrate) und drei Porridge Bars (je 47 gr. Kohlenhydrate) geplant und am Ende auch genau gebraucht.

Schrecksekunde nach 10 h Fahrzeit, 173km und 4300 Höhenmetern

Beim Losrollen zum letzten Pass von Bourg d’Oisans nach Alpe d‘Huez musste sich ein anderer Radfahrer, um nicht zu stürzen, an meinem Oberarm festhalten. Leider riss er mir dabei meinen Freestyle Sensor aus dem Arm.

Nach kurzer Überlegung – mir ging es bis hierher bei aller Anstrengung verhältnismäßig gut – entschied ich mich trotzdem weiterzufahren und alle 30 Minuten meinen Blutzucker blutig zu messen. Teststreifen und Testgerät hatte ich extra für einen möglichen Ausfall des Sensors in der Trikottasche mitgenommen. Meine Ankunftszeit war mir nicht wichtig. Der Veranstalter hatte am Col du Galibier und in Bourg d’Oisans jeweils ein Zeitlimit festgelegt, bis zu welchem man diese Stellen erreicht haben musste. Ansonsten wird man aus dem Rennen genommen. Beide Zeitlimits hatte ich hinter mir. Damit war klar, dass ich nicht mehr auf die Uhr schauen musste. Mein Ziel war es, überhaupt anzukommen und zwei Jahren nach meiner Diagnose Diabetes Typ 1 (LADA) zu spüren, dass ich wieder Kraft für eine solche Ausdauerleistung habe.

Nach 11.58 Stunden, hatte ich 186 km und 5500 Höhenmeter hinter mir gelassen und durfte überglücklich ins Ziel fahren.

Zusammenfassend kann ich sagen:

Insulin ist fantastisch. Ich konnte in 20 Monaten Insulinbehandlung wieder Muskulatur aufbauen und fühle mich ähnlich fit wie bei meiner Teilnahme beim Ötztaler Radmarathon 2016 – fünf Jahre vor der Diagnose.
Für einen Radmarathon würde ich mich wieder auf meine bewährten Gels, Riegel, Getränke oder sonstige Nahrungsmittel verlassen.

Radfahren ist von der Belastungskurve, auch im Hochgebirge, gut planbar. Ich hatte über die Nahrungsergänzungsmittel ungefähr 60 gr Kohlenhydrate pro Stunde aufgenommen. Leistungssportler können dies teilweise auf bis zu 120 gr Kohlenhydrate pro Stunde steigern.

Zum Abendessen und für die Nacht habe ich wieder 60% meiner normalen Insulinmengen gespritzt (4 statt 6 Einheiten). Den Auffülleffekt der Muskulatur konnte ich nach dieser Langzeitbelastung nicht abschätzen. Bis morgens waren die Werte bei 100 mg/dl angelangt. Also alles prima.

Fazit:

Der Radmarathon war für mich ein emotional tiefgreifendes Erlebnis und hat mir nachhaltig gezeigt, dass auch mit Diabetes, zumindest in meiner heutigen schwach ausgeprägten Form, Ausdauersport auf diesem Niveau möglich ist. Am Ende belegte ich Platz 2822 von 4368 Startern und Starterinnen.

 

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david.marquardt

Herzlichen Glückwunsch zu deiner Leistung! Toll!

markus.riehl

Fantastische Leistung gepaart mit sicherlich unglaublichen Eindrücken und Erfahrungen. Meinen Glückwunsch und gleichzeitig meinen größten Respekt Tom 👌

ralf.schiwotz

Respekt, Wahnsinnige Leistung: nicht nur sportlich, sondern auch wie du den BZ im Griff behalten hast.

Antje

Ich bin froh, dass ich bei der MV noch den Hinweis auf deinen Beitrag bekommen habe, der war zuvor leider an mir vorbeigegangen. Hut ab vor deiner Leistung und nochmal willkommen in der IDAA! 🙂

T.P.

Ich kann mich Antje nur anschließen. Vielen Dank für diesen eindrucksvollen Bericht und schön das Du in Berlin zur MV dabei warst.

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